Arbeitsjournal 1. Tag

In unregelmäßiger Folge stelle ich hier mein „Arbeitsjournal“ ein: die letzte große Überarbeitung (es bleiben noch genug Kleinigkeiten zu tun) am Manuskript „Im Schatten des Flügelschlags“. Datum: 12.3.2007

Die letzte Woche war nicht einfach. Ich musste aus familiären Gründen kurzfristig nach Hannover. Geplant war ein langes Wochenende, daraus wurde eine (lange) Woche. Danach zurück nach Berlin, mit einem kurzen Stopp in Bad Seegeberg bei SinTakt. Von meiner Berliner Wohnung aus ging es dann auf die nächste Reise, dieses Mal etwas kürzer: nach Schöneiche bei Berlin, Schreibzeit im Haus TonART. Seit Monaten überarbeite ich kontinuierlich das Manuskript. Die jahrelangelange Reise soll bis Ende März zu einem Ende finden. Auch das ein Abschied. Vielleicht ist es für mich das Schwierigste am Schreiben. Ein Manuskript loszulassen.

Es ist Montag Abend. Berlin durchqueren, erst mit der S-Bahn bis Friedrichshagen, von dort geht es in der Tram 88 weiter. Eine besondere Linie, die einzige schmalspurige Überlandstraßenbahn. Ich las das Buch „Berlin ist mein Paris“ von Carmen-Francesca Banciu, das ich versehentlich mit dem Rucksack zusammen gewaschen hatte. Es hatte sich vor über einem Jahr dort versteckt, ich glaubte es schon verloren. So sah es nach dem Waschgang aus, eine Wasserleiche, auf den doppelten Umfang aufgebläht. Um es wiederzubeleben steckte ich das Buch für eine halbe Stunde in den Backofen. Ich hole ein dampfendes Buch heraus, beschwere es mit anderen Büchern und lasse es liegen. So ganz hat der Rettungsversuch nicht funktioniert, man sieht dem Buch die Tortur an, aber wenigstens kleben die Seiten nicht mehr zusammen, und die Signatur der Autorin ist noch erkennbar.
Ich suche nach einer Geschichte, die mit meinem Berlin und meinem Paris zu tun hat. Das Schreiben in Cafés, ja, aber damit endet die Gemeinsamkeit. Ihr Berlin ist ein anderes Berlin und ihr Paris ein anderes Paris. Die kurzen Stücke sagen mir nicht viel, erzählen nicht, es ist ein trauriges Buch mit einem traurigen Schicksal. Ich stecke es wieder in die Tasche, schaue aus dem Fenster der Tram. Die Nacht wirkt undurchdringlich, ein schwarzer, blinder Spiegel. Als wir uns der Station nähern habe ich wieder das Gefühl, nicht aussteigen zu wollen, einfach weiterzufahren, eine ewige Reise im Herz der Schatten.

Es ist Montag, Ruhetag. Auch das Haus TonART liegt im Schatten. Mein Zimmer ist fertig, das „Ostzimmer“. Ein einfacher, schöner Raum mit riesigem Bad. Das wird also, im besten Fall, der Ort sein, an dem der Flügelschlag sein Ziel findet. Ich zweifle. Das Manuskript hat noch eine Fehlstelle, ein entscheidender Puzzlestein fehlt, der die vielen kleinen Stücke zu einem ganzen Bild zusammenfügt. Dieser Stein fehlt schon seit zwei Jahren. Ich überarbeite das Manuskript nicht mehr chronologisch, sondern kreuz und quer. Ich fange irgendwo an, bessere aus, kürze und schreibe neu. Jedes Stück ist wichtig. Es wird kein großer Roman, kein charmantes Büchlein wie „Mitsu“, es ist in Form gegossene Verzweiflung. Es wäre einfacher, ein neues Buch zu schreiben, aber dieses muss raus, ich darf nicht auch noch die nächste Station verpassen, sondern muss aussteigen.

Es ist nach zehn. Winne macht mir einige Stullen und bringt mir eine Flasche Apfelsaft. Es wird nicht spät. Der Ort beginnt zu wirken, und jede Minute nimmt etwas weg von den Schatten, die auf mir liegen.
blog comments powered by Disqus