Eileen

„Das mit dem Schreiben ist ganz einfach“, sagte sie. „Man macht einfach nur Sätze, die einem gefallen, und die anderen lässt man weg.“
Seitdem ich Eileen kannte sprach sie nur davon, dass sie eines Tages eine berühmte Schriftstellerin sein wollte. Mit sechzehn war sie zu Hause ausgezogen und wohnte in einer Wohngemeinschaft. Sie verliebte sich in eine ältere Mitbewohnerin und machte mit ihr ihre ersten sexuellen Erfahrungen. In der Zeit fand sie den Namen Eileen, nach dem Lied von Dexys Midnight Runners, und begann eine schwarze Mütze zu tragen. Nun war sie zwanzig und hatte eine eigene Wohnung mit Waschmaschine und einem blauen Wasserkocher. Die Mütze trug sie immer noch.
„Ich bin nicht lesbisch“, sagte Eileen, „Ich mag nur Frauen lieber als Männer.“
Ich nickte. Wir saßen bei McDonalds, weil sie das Licht dort so mochte. Wir trafen uns einmal die Woche bei McDonalds, sie aß zwei Doppelcheeseburger und eine Apfeltasche, ich einen Big Mac. Sie trank Erdbeermilchshakes und ich einen Liter Kaffee.
„Weißt du, dich mag ich auch. Du hast etwas sehr mädchenhaftes“, sagte sie.
Ich wusste nicht, ob ich mich darüber freuen sollte.
Es war inzwischen kurz nach Mitternacht. Eileen legte ihren Kopf auf die Tischplatte und sah zum Fenster hinaus. Ich folgte ihrem Blick. Es hatte geregnet, und es kam mir vor, als schaue man in ein neonbeleuchtetes Aquarium. Ich legte meinen Kopf ebenfalls auf die Tischplatte.

„Wenn ich mal eine große Schriftstellerin bin, dann ziehe ich in ein großes Haus am Meer. Ich kaufe mir einen Hund, der groß und schwarz ist und den Leuten Angst macht. Ich hätte gern einen Schaukelstuhl und eine Veranda. Da sitze ich dann und schreibe. Ich schmeiße die schlechten Sätze weg und hebe die guten auf, und jedes Jahr gibt es ein neues Buch von mir.“
„Kann ich dich dann besuchen kommen?“ fragte ich.
„Ich würde gern ein Kind von dir haben wollen. Wenn ich eine erfolgreiche Schriftstellerin bin.“
„Aber ich dachte, du magst lieber Frauen?“
„Ja, schon. Aber wenn ich ein Kind haben will, dann von dir. Abgemacht?“
Wir hoben gleichzeitig unsere Köpfe. Ich nahm ihre Hand, drückte sie.
„Versprochen,“ sagte ich.
Sie ließ ihre Hand in meiner liegen, sie kam mir vor wie ein kleiner Vogel, den ich gefangen hatte. Es fing wieder an zu regnen, die Tropfen hafteten an der Scheibe.

Text für den Schreibwettbewerb der Büchereulen, November 2006, Thema „Mädchen“, 1. Platz.

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