Sonne, Mond und Sterne

Marie stand vor dem Riesenrad und schaute hinauf. Lichter, die angezündet waren, ein Fest zu feiern. Hinter den Brücken, hinter den Wassern, ihre Augen nussfarben und ihr Gesicht wie das Bild in einer Camera Obscura. Sie schaute den fleckigen Männern zu, die den Schwestern auf der Bühne zujubelten, der Nacktheit, die sich Stück für Stück zeigte.

Marie dagegen saß am Tag im Brunnen, einen Spiegel in der Hand, und der Brunnen war nur ein Kübel aus altem Holz, sie erzählte das Märchen von der Liebe unter Sonne, Mond und Sternen, der Unschuld nackt im Brunnen, der nur ein Bottich war, verwandelt von ihr, der Jungfrau, ein Versprechen zukünftiger Liebesnächte..
Das Riesenrad drehte sich, rot, grün und blau mit Lichtern bestickt, die Liebenden küssten sich schwerelos und die Scheuen flochten ihre Hände zu Kränzen.
Jean-Paul, der Clown, stand neben Marie und schaute mit hinauf.
„Das Fest hat begonnen“, sagte er.
„Du riechst“, sagte Marie.
„Ja?“
„Nach Mann.“
Er lachte. Marie sah ihn an, nussäuigig, eine fleckige Leinwand, auf die eine Kamera Träume warf.
Jean-Paul hörte auf zu lachen, nahm ihren Kopf in beide Hände und versuchte sie zu küssen.
„Nicht“, sagte Marie, „du raubst mich“, und gab nach.

Das Rad drehte sich, die Affen tanzten und Paulette und Germaine, nach ihrem Tanz von einem glitzernden Film aus Schweiß überglänzt, saßen im Wagen, schminkten sich ab.
„Ich werde berühmt, eines Tages, beim Film“, sagte Paulette.
„Wir werden beide berühmt“, antwortete Germaine.
Paulette verzog ihre halb abgeschmickten Lippen, im Spiegel sah sie ein verzerrtes Wesen.
„Ich brauche mehr Licht“, sagte sie, stand auf, ihr weißes Federröckchen schäumte. Germain betrachtete sie, erhob sich ebenfalls, nahm Paulettes Hände und hielt sie fest.
„Was willst du?“ fragte Paulette.
„Was ist mit Jean Paul?“
„Was soll mit ihm sein?“
„Du hast es mit ihm getan“, sagte Germaine.
„Und wenn?“
„Er gehört mir.“
„Er ist mit Marie zusammen“, sagte Paulette.
„Du lügst.“

Das Riesenrad drehte sich, nun erloschen, weiter durch die Masse der Nacht. Zwei Betrunkene am Schießstand versuchten noch, Zinnenten zu treffen, aus der Ferne hörte man den dreibeinigen Hund heulen, der den Verlust das Mondes beklagte. Der Morgen sickerte rot in die Nacht, zog Schlieren, Germaine saß in ihrem Wagen und legte sich die Karten. In der Mitte aufgedeckt „Das Rad des Schicksals.“.
Endlich begannen die jungen Männer, die Zelte abzubauen, Stangen und Stoff zu verstauen. Paulette saß auf den Stufen ihres Wagens, rauchte, sah, wie weit, ganz weit weg das Riesenrad endlich stoppte und dahinter die Sonne den Horizont in Flammen setzte.
„Jean Paul, der Clown“, flüsterte sie, als sie ihn auf den Stufen von Maries Wagen sah. Er stand auf, kam zu ihr herüber und gab ihr einen Kuss.
„Und wen habe ich heute geküsst? Paulette oder Germaine?“ fragte er.
„Ist das nicht egal?“
Er nickte. Paulette schnippte die Zigarette weg und leckte sich über die Lippen.

Text für den Schreibwettbewerb der Büchereulen, Februar 2007, Thema „Zwillinge“.
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