Bibliothek der unerwünschten Bücher

abtreibung

Auf manche Idee ist man neidisch, sogar auf ganze Bücher. Die Idee von Richard Brautigan in „Die Abtreibung – Eine historische Romanze 1966“ ist hinreißend. Der Protagonist arbeitet in einer ganz besonderen Bibliothek. Hier liefern Autoren ihre Manuskripte ab, die keine Chance haben, zum Buch zu werden (was nebenbei auch gut zum Telepolis-Artikel passt).

Da ist eine Frau, die in einem fensterlosen Hotelzimmer lebt und Blumen liebt. Sie verfasste auf 40 Seiten, die sie mit zahlreichen Abbildungen versah, das Manuskript „Wie man bei Kerzenschein in Hotelzimmern Blumen züchtet“.
Unter den Beispielen findet man auch „Immer schön ist die Liebe“ von Charles Green: „Der Verfasser war etwa 50 Jahre alt und sagte, er habe seit seinem siebzehnten Lebensjahr, als er das Buch geschrieben hatte, versucht, einen Verleger dafür zu finden.
'Dieses Buch hat den Weltrekord für Ablehnungen aufgestellt', sagte er. 'Es ist 459mal abgelehnt worden, und jetzt bin ich ein alter Mann.‘“

Oder: Schinkentod von Marsha Paterson
„Die Verfasserin war bis auf den schmerzgequälten Ausdruck in ihrem Gesicht eine ausgesprochen farblose junge Frau. Sie gab mir dieses sagenhaft speckige Buch und lief wie eine Furie gehetzt aus der Bibliothek. Das Buch sah wahrhaftig aus wie ein Pfund Schinken. Ich wollte es aufschlagen und sehen, wovon es handelte, aber ich überlegte mir's anders. Ich wußte nicht, ob ich das Buch braten oder in ein Regal stellen sollte.
Hier Bibliothekar zu sein ist manchmal schon eine Herausforderung.“

Philippe Djian schreibt in „In der Kreide“ (das Buch habe ich hier vorgestellt) über Brautigan:
„Die meisten Schriftsteller möchten etwas Bleibendes hinterlassen. Man denkt dabei sogleich an etwas Klotziges, Schweres.
Die meisten Schriftsteller sind schwergewichtige Ambosse.
Aber manchmal stößt man auf einen, der die Leichtigkeit wählt. Nicht, weil es ihm an TIefenschärfe, an Dichte oder an Intelligenz fehlt, im Gegenteil. Sondern nur, weil er besser ist als andere."

Davon ist jedes Wort wahr. Brautigans Bücher erschienen auf deutsch bei Eichborn und Rowohlt. Dem kleinen Kartaus Verlag ist es zu verdanken, dass die Bücher von Brautigan zum großen Teil weiterhin erhältlich sind. Es wird Zeit, dass man diesen amerikanischen Autor wiederentdeckt. Brautigan setzte seinem Leben im September 1984 ein Ende.

Es war noch nie einfach, leicht zu sein.
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