LeseLiebe

Lovebits komplett


Lange hat es gedauert – nun liegen endlich die gesammelten Marc-Maus-Kolumnen vor, veredelt mit einer Vorbemerkung des Schriftstellerfreundes Peter Glaser.

Erhältlich ist das eBook auf Amazon für schmale 2,99 Euro. Man braucht übrigens keinen Kindle, um „Lovebits“ lesen zu können. Über die jeweils kostenlose Amazon-App funktioniert das eBook auch auf PC, Mac, iPad, iPhone, Android und Blackberry-Geräten. Da es DRM-frei ist, lässt es sich über das Freeware-Programm Calibre auch in ePub und alle anderen möglichen Formate wandeln.


Aus dem Klappentext:

Marc Maus spaziert durch eine seltsame Welt auf der Suche nach der einen großen Liebe. In 42 kleinen Geschichten folgt man dem Erzähler etwa zum Apfelplaneten, belauscht Macs im Verkaufsraum oder erlebt eine Keynote ganz besonderer Art. "Lovebits - Liebe, Macs und wilde Mäuse" erklärt einem nebenbei das Leben: Was zum Beispiel sind "gelbe Tage"?

Die Geschichten von Marcel Magis erschienen über mehrere Jahre in den Magazinen MacNewsPaper und MacLife. Erstmals liegen sie in dieser Sammlung komplett vor. Eine Vorbemerkung des Kolumnisten und Schriftstellers Peter Glaser rundet das Vergnügen ab.

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Von traurigen und anderen Büchern

Es gibt Bücher, die sehen verlassen aus. Einige davon stehen in Bücherregalen, neben anderen Büchern, und werden von den vertrauten Buchrücken getröstet. Manche werden aber aus ihrer Umgebung herausgerissen und landen zum Beispiel als Spende bei Oxfam.

Die äußerst traurigen Bücher in Antiquariaten und Ramschkisten erkennt man daran, dass sie signiert sind oder eine Widmung tragen und der Besitzer sie trotzdem weggab. Heute fand ich zwei dieser Exemplare.
Eines war vom Autor signiert. Herzlich, schwungvoll. Der Schrift war anzusehen, dass der Verfasser stolz auf sein Werk war. Aber warum wurde das Buch weggegeben? War es ein unwillkommenes Geschenk, hatte sich der Beschenkte mit dem Autor überworfen? Was auch immer der Grund war, dass dieses Buch hier im Regal stand – es konnte kein glücklicher Grund sein.

Das zweite Buch war der Roman eines amerikanischen Schriftstellers. Es geht darin um Liebe, Sex und Leidenschaft, und noch flammender als das Buch sein könnte, war die Widmung vom 24.12.2005. Von der Schwester für ihren Bruder. Mir schien die Widmung weit mehr Wert zu sein als die Geschichte, die das Werk erzählen konnte. Verbarg sich hinter den Worten der Schwester eine heimliche, verbotene Liebe? Aber dann hätte der Bruder es nicht abgegeben, oder vorher die Seite herausgerissen. Aber wer gibt überhaupt ein Buch ab, das eine solch persönliche, liebende Widmung enthält?

Ich zögerte, ob ich die Bücher nicht befreien sollte. Vielleicht würden sie weniger traurig sein, wenn ich eine Geschichte über sie schriebe?
Letztlich hatte ich nur Geld für ein Buch, ich wählte „Die Tochter des Schmiedes“ von Selim Özdogan aus, das schon lange auf meiner Wunschliste stand. Es kostete einen unangemessen niedrigen Betrag und trug keine Signatur, keine Widmung. Trotzdem gehörte es ebenfalls nicht hier her.

Erst zu Hause entdeckte ich, dass auf der letzten Seite eine eMail-Adresse notiert ist. Sercan. Das Buch ist gar nicht traurig. Jemand will, nachdem man es durchgelesen hat, dass man ihm schreibt. Er wollte es teilen. Wahrscheinlich nicht mit mir, aber mit einer Frau, die sich in die Worte von Selim verliebt und nun den Rest ihres Lebens mit Sercan verbringen will.
Was für ein schöner Gedanke.

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Eileen

„Das mit dem Schreiben ist ganz einfach“, sagte sie. „Man macht einfach nur Sätze, die einem gefallen, und die anderen lässt man weg.“
Seitdem ich Eileen kannte sprach sie nur davon, dass sie eines Tages eine berühmte Schriftstellerin sein wollte. Mit sechzehn war sie zu Hause ausgezogen und wohnte in einer Wohngemeinschaft. Sie verliebte sich in eine ältere Mitbewohnerin und machte mit ihr ihre ersten sexuellen Erfahrungen. In der Zeit fand sie den Namen Eileen, nach dem Lied von Dexys Midnight Runners, und begann eine schwarze Mütze zu tragen. Nun war sie zwanzig und hatte eine eigene Wohnung mit Waschmaschine und einem blauen Wasserkocher. Die Mütze trug sie immer noch.
„Ich bin nicht lesbisch“, sagte Eileen, „Ich mag nur Frauen lieber als Männer.“
Ich nickte. Wir saßen bei McDonalds, weil sie das Licht dort so mochte. Wir trafen uns einmal die Woche bei McDonalds, sie aß zwei Doppelcheeseburger und eine Apfeltasche, ich einen Big Mac. Sie trank Erdbeermilchshakes und ich einen Liter Kaffee.
„Weißt du, dich mag ich auch. Du hast etwas sehr mädchenhaftes“, sagte sie.
Ich wusste nicht, ob ich mich darüber freuen sollte.
Es war inzwischen kurz nach Mitternacht. Eileen legte ihren Kopf auf die Tischplatte und sah zum Fenster hinaus. Ich folgte ihrem Blick. Es hatte geregnet, und es kam mir vor, als schaue man in ein neonbeleuchtetes Aquarium. Ich legte meinen Kopf ebenfalls auf die Tischplatte.

„Wenn ich mal eine große Schriftstellerin bin, dann ziehe ich in ein großes Haus am Meer. Ich kaufe mir einen Hund, der groß und schwarz ist und den Leuten Angst macht. Ich hätte gern einen Schaukelstuhl und eine Veranda. Da sitze ich dann und schreibe. Ich schmeiße die schlechten Sätze weg und hebe die guten auf, und jedes Jahr gibt es ein neues Buch von mir.“
„Kann ich dich dann besuchen kommen?“ fragte ich.
„Ich würde gern ein Kind von dir haben wollen. Wenn ich eine erfolgreiche Schriftstellerin bin.“
„Aber ich dachte, du magst lieber Frauen?“
„Ja, schon. Aber wenn ich ein Kind haben will, dann von dir. Abgemacht?“
Wir hoben gleichzeitig unsere Köpfe. Ich nahm ihre Hand, drückte sie.
„Versprochen,“ sagte ich.
Sie ließ ihre Hand in meiner liegen, sie kam mir vor wie ein kleiner Vogel, den ich gefangen hatte. Es fing wieder an zu regnen, die Tropfen hafteten an der Scheibe.

Text für den Schreibwettbewerb der Büchereulen, November 2006, Thema „Mädchen“, 1. Platz.

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Die Weihnachtshölle (Eine kleine Adventsgeschichte)

„Humbug, alles Humbug“, sagte Michael und trommelte mit den Fingern auf der Theke ein imaginäres Schlagzeugsolo.
„Was ist Humbug?“
„Weihnachten.“
Ich trank einen Schluck Wodka und sah danach ins Glas, in dem sich das Licht der Bardekoration spiegelte. Ich nickte.
„Frauen sind auch schlimm“, sagte Michael, hörte auf zu trommeln und dachte nach.
Ich bestellte ein neues Glas Wodka und nickte, obwohl ich Frauen nicht schlimm fand.
„Aber Weihnachten und Frauen zusammen, das ist die Hölle“, sagte er und fing wieder an zu trommeln.
So langsam verstand ich, was er sagen wollte, und ich fragte „Warum?“
„Lisa will einen Tannenbaum, und ich soll ihn besorgen.“
„Hm, ja.“
„Das heißt, ich bin so gut wie verheiratet.“ Er hörte wieder auf, Lärm zu machen.
„Das wird schon“, sagte ich.
Jetzt kippte Michael den Wodka hinunter und bestellte einen neuen. Für mich gleich mit.
„Was soll ich jetzt machen?“ fragte er.
„Das, was sie sagt.“
„Meinst du wirklich?“
„Nein. Aber alles andere hat keinen Sinn.“
Er überlegte. Er überlegte lange, zum Glück hielt er dabei die Finger still. Ich trank drei Wodka, die Lichterkette verschwamm langsam zu einem Bandwurm, die anderen Gäste sahen schon viel sympathischer aus. Eine etwas ältere Frau mit langen Zöpfen und rosa Bluse am Stehtisch, die gerade in eine Bratwurst biss, wirkte auf mich sogar fast erotisch anziehend. Ich sah wieder in mein Glas und schwor, nächstes Jahr mit dem Saufen aufzuhören.
„Ich glaube, ich tue es“, sagte Michael.
„Was?“
„Sie heiraten.“
„Hilft nichts. Du musst den Tannenbaum trotzdem besorgen.“
Michael sah mich an. Nickte. Begann wieder, Gene Crupa zu imitieren.
„Na gut“, sagte er und legte seine Hände flach auf die Theke, „du hast Recht. Ich besorge also diesen verdammten Tannenbaum, und dann heirate ich sie.“
Ich klopfte ihm auf die Schulter. Er grunzte. Wir stießen noch mal an, dann sah ich kurz hinüber. Die Frau schob den letzten Zipfel der Bratwurst in den Mund und lächelte mich an. Ich prostete ihr zu. Michael hatte Recht. Frauen und Weihnachten, das ist die Hölle. Aber wer will schon den Himmel, wenn es eine solche Hölle gibt?

Diese Geschichte wurde für den Adventskalender der Büchereulen geschrieben und erschien am 5.12.2006. Den Kalender mit vielen wunderbaren Texten lege ich jedem Leser ans weihnachtlich gestimmte Herz. Ich freue mich jedenfalls sehr über die vielen unterschiedlichen Geschichten, Gedichte und Kochrezepten von bekannten und werdenden Autoren.
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Giraffen

Ich hatte die Fenster mit einem schwarzen Bettlaken verhängt, doch an der linken Seite schlich sich die Morgensonne in mein Zimmer und blendete mich.

„Giraffen“, dachte ich. Es war mein erster Gedanke an diesem frischen Tag. Ich war schon seit einem Jahr in Berlin, doch ich kannte immer noch niemanden hier. Die Stadt war voll mit Menschen, mit denen ich nichts zu tun hatte, und die nichts mit mir zu tun hatten.

Im Zoo haben sie welche. Giraffen. Auch Elefanten, Lemuren und jede Menge Vögel. Den einen oder anderen Papageien. Ich mochte sie nicht. Es klingt vielleicht seltsam, aber ich habe Angst vor Vögeln. Vor allem vor Papageien. Man weiß nie, was sie denken, und dabei reden sie auch noch. So ähnlich wie Frauen. Es ist schon lange her, dass ich mit einer Frau zusammen war, damals, auf Island. Sie mochte Schafe, und sie wurde schwanger. Aber bevor sie unser Kind bekam, ging sie nach Amerika. Damals beschloss ich, nur noch Sachen aus der Dose zu essen. Wenigstens da kann man sicher sein, dass das, was drin ist, auch wirklich tot ist.

Seitdem ich in Berlin bin, gehe ich jeden Tag in den Zoo. Ich schaue mir die Elefanten an und hasse sie. Danach gehe ich zu den Lemuren und hasse sie ebenfalls. Am Schluss bin ich bei den Giraffen, und die hasse ich nicht. Oft stelle ich mir vor, wie es wäre, eine Giraffe zu sein, den Hals zu recken und den ganzen Tag den Kopf in die Luft zu halten. Aber ich betrachte vor allem ihre Beine. Als Giraffenjockey muss man das einschätzen können, wie schnell sie rennen, und Giraffen rennen sehr, sehr schnell. Tatsächlich bin ich noch nie geritten, aber für einen Pferdejockey bin ich zu groß. Und außerdem hasse ich Pferde.

Wenn ich in mein Zimmer zurückkomme, schaue ich an die Wand, auf die ich mit einem schwarzen Filzstift die Landkarte von Afrika gemalt habe. Überall, wo es Giraffen gibt, stecken Markierungen in der Wand. Und dann stelle ich mir vor, wie ich mit anderen Jockeys am 1. afrikanischen Giraffenrennen teilnehme. Ich werde der einzige Weiße sein, und alle werden mich auslachen, vor allem die Frauen. Die lachen immer. Aber am Ende werde ich alle überraschen und gewinnen, und die hübscheste der Frauen, eine mit einem irrsinnig langen Hals, wird ihre Arme um mich schlingen und Kinder von mir haben wollen. Wir werden im Busch leben, Giraffenbabys großziehen und natürlich unsere eigenen Babys, von denen wir jedes Jahr ein neues haben werden. Und aus den ganzen leeren Dosen werden wir uns ein prachtvolles Häuschen bauen, das unter der afrikanischen Sonne funkelt und glänzt.

„Giraffen sind gut“, sagte ich laut und stand auf.


Text für den Schreibwettbewerb der Büchereulen, Juni 2006, Thema „Sport“, 1. Platz
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Zugfahrt

Sie sitzt, die Schenkel leicht geöffnet und nackt, zurückgelehnt. Wärme ersetzt das Tuch, die Luft ist Stoff genug.

Wenn ich in das Gesicht der schlafenden Frau gegenüber sehe, ihren Lippen folge, die leicht nach vorne gestülpt sind, zwischen ihnen ein Spalt, dann werde ich friedlich. Ich muss nichts tun, darf weich sein, ganz Blick. Ich stelle mir vor, die Luft zu sein, die sie einatmet. Dass ich es wäre, der sie erhitzte, die Ursache des leichten Schweißfilmes auf ihrer Haut. Ich betrachte die blonden Härchen auf ihren Oberschenkeln, die aufgerichtet sind. Es wird wärmer. Sie öffnet ihre Augen, sieht mich an, ein Moment, der sich dehnt, ausweitet. Ein Fenster wird geöffnet, der Fahrtwind kühlt kaum, sie schließt ihre Augen wieder, und ich bin sicher, sie träumt jetzt einen ähnlichen Traum wie ich, einen Traum aus Berührungen.

Ein Geräusch, wie wenn Papier reißt. Ich schaue nach draußen, ausgezogene Bäume, deren Äste die Zeichen einer unbekannten Schrift sind, Laufschrift, Fahrtschrift, sie wird spärlicher, die Leerräume füllen sich mit Wüstensand, die Schienen führen in ein Meer aus Sand. Als es dunkler wird und die Innenbeleuchtung sanftes Licht streut beginnen die Fenster zu spiegeln, und im Fenster hängt ihr Lächeln in der Luft, ein Lächeln aus geschwollenen Lippen, der Spalt zwischen den Lippen ein dunkles Loch, in das ich hineinschaue, um die Lust der Nacht zu begreifen.

Ich möchte etwas sagen, aber habe Angst, dass ihr Lächeln sich dann auflöst, und mit dem Lächeln sie.

Wieder das Geräusch. Am Horizont brennen Ölfelder, oder nur der neue Tag, der beginnt, gegen einen Himmel aus Rauch zu kämpfen.

Ich weiß nicht, was passiert. Um mich herum liegen Zeitungsfetzen, die Schatten der Dinge, die geschehen sind, und ein verschwommenes Bild von dem, was sein wird.

Sie trinkt einen Schluck Wasser.

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Im Schatten des Flügelschlags

Es war schon September, als ich Pinguin wieder traf. Er hatte ebenfalls beschlossen, seine wenigen Sachen zu packen und aufzubrechen. Zuerst fuhr er nach Norwegen, was ein großartiges Land für frischen Fisch ist, aber ansonsten ziemlich leer wirkt. Also fuhr er wieder zurück, genoss gute Nudeln in Rom, begann aber schnell den Regen zu vermissen. Er nahm den nächsten Zug nach Paris, kam mit Einbruch der Dunkelheit an, und jetzt stand er da in meiner Lieblingsbar, dem Quaimond, lauschte St. Germain und obskuren Miles Davis-Remixen. Er trank einen Glenfiddich nach dem anderen. Wir hatten immerhin bei Whisky den gleichen Geschmack. Er wankte schon leicht, aber als er mich erkannte hätte er wahrscheinlich, wenn er kein Pinguin gewesen wäre, breit gelächelt und einen Freudenschrei ausgestoßen. Er hätte das gleiche gemacht wie ich. Seit diesem Abend lebten wir wieder zusammen.

„Weißt Du warum sie mich verlassen hat?“
Ich schaute den Pinguin an. Der sagte nichts aber tat so, als ob er mich verstünde. Ich würde ihm wohl später etwas frischen Fisch geben. Forelle. Ich ging zum Kühlschrank, der erstaunlich aufgeräumt war. Was eine wohlwollende Umschreibung für „fast leer“ ist. Nur einige Dosen Bier und eine Forelle waren darin zu finden.
„Es ist gut, im Nichts zu sein.“ dachte ich.
Ich nahm den Fisch heraus, gab ihn dem Pinguin, schloss nachdrücklich die Kühlschranktür, setzte Wasser auf und rührte eine asiatische Nudelsuppe aus der Tüte zusammen. Das Licht in der Küche flackerte. Ich drehte an der Glühbirne und verbrannte mir die Finger. Ich ließ das Licht weiter flackern. Der Pinguin blieb bemerkenswert stoisch.
„Möchtest Du einen Eiswürfel haben? Dir ist bestimmt zu warm.“
Er schüttelte den Kopf.
„Gut, dann lass uns was essen.“
Wir aßen. Die Nudeln schmeckten nach Sesam. Immerhin. Ich versuchte an etwas zu denken, aber es gelang mir nicht. Es waren keine Bilder mehr da.
„Was für ein Tag ist heute?“
Irgendwann hatte ich vergessen, dass es Wochentage gibt. Jeder Tag war wie der andere, es machte einfach keinen Sinn sie zu benennen. Ich gab dem Pinguin eine Dose Bier. Er sah sie äußerst verständnislos an. Ich erklärte ihm, dass es gut sei, manchmal ein Bier zu trinken. Wenn es Nacht ist. Und der Kühlschrank fast leer. Der Pinguin schwieg. Es gibt kaum etwas Schlimmeres als ein Pinguin, der schweigt. Ich sah ihn lange an. Und begann ebenfalls zu schweigen.

Es war wieder morgen geworden. Zumindest war es hell draußen, und der Himmel bis auf eine kleine Wolke leer. Die Geräusche machten Ferien. Der Pinguin schlief noch und war nicht umgefallen. Pinguine sollen nämlich umfallen, wenn sie vom Dösen in den Tiefschlaf wechseln. Meiner tat das nie. Es musste noch ziemlich früh sein, und ich war nur aufgewacht, weil ich zu laut geschnarcht hatte. Es wäre gut, jetzt einen Kaffee zu machen. Wenn sich dieser Tag überhaupt lohnte. Aber ich würde irgendwann etwas tun müssen. Zum Beispiel den Kühlschrank auffüllen, der ja nun gänzlich leer war. Ich machte mir eine Liste für den Tag:
Kühlschrank auffüllen
Weiterschlafen
Pinguin füttern
Über Hamster nachdenken
Über Frauen nachdenken
Ergebnisse des Nachdenkens mit Pinguin besprechen
Das Telefonbuch weiter lesen.
Seitdem Pinguin da war hatte ich das mit den Postkarten aufgegeben und mich darauf konzentriert, uns das Telefonbuch vorzulesen. Ich war immerhin schon fast bei D angelangt. Und das in Paris. Ich las uns immer nur Namen und Nummern vor. Vielleicht würde eines Tages jemand kommen und sagen „Sie haben das Telefonbuch gelesen? Großartig, ich gebe Ihnen einen Job“. Langsam wurde das Geld knapp, ich konnte vielleicht noch zwei Monate so weiterleben. Höchstens.
„Wir können einfach weitermachen, nichts zu tun. Gar nicht so einfach, die Sinnlosigkeit zu akzeptieren“, sagte ich zu Pinguin.

Ich hatte eingekauft, Käse, Baguette, Rotwein und viele kleine Fische. Es wurde schon wieder dunkel. Ich las uns weiter aus dem Telefonbuch vor. Der Pinguin nickte verständnisvoll.
Ich unterbrach das Lesen und schaute ihn lange an.
„Ich glaube, wir sind jetzt wirklich angekommen.“

(Ausschnitt aus Im Schatten des Flügelschlags)
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