Das E-Book und die Bibliothek des Wesentlichen

Der Herbst wird heiß – die neue Generation von E-Book-Readern drängt auf den Markt, nach der Preisoffensive von Amazon und Barnes & Noble dürfen sich auch deutsche Kunden über sinkende Hardware-Preise freuen. Thalia will dabei ab Oktober eine Marke setzen: 139 Euro verlangt der Buchhandelskonzern für seinen touchfähigen Reader mit Sechs-Zoll-Bildschirm.

Das Gerät hört auf den Namen Oyo, hat WLAN an Bord sowie zwei Gigabyte Speicher. Zum Einsatz kommt ein SiPix-Display, das dem bisherigen Fast-Monopolisten E-Ink entgegentritt und diesem in nichts nachstehen soll. Lediglich auf Farbe muss man im elektronischen Tintenreich derzeit noch verzichten, das alte Manko mit den langen Umblätterzeiten hat sich hingegen deutlich entschärft.

Also endlich freie Bahn für das E-Book? Nicht ganz. Das größte Problem sind derzeit die E-Book-Preise, in Deutschland orientieren sie sich an der gerade aktuellen gedruckten Ausgabe und bieten – wenn überhaupt – nur geringe Nachlässe. Schließlich sollen die Kunden weiter gedruckte Bücher kaufen, niedrigere Verkaufszahlen im Print-Bereich würden niedrigere Auflagen und damit höhere Preise nach sich ziehen.

Die Geräte werden sich aber trotzdem verkaufen und womöglich eine Verschiebung im Buchmarkt bewirken. Projekt Gutenberg & Co. lassen grüßen, Klassiker holt man sich kostenlos. Das werden die Verlage spüren, denn Lesezeit ist ein kostbares Gut – die Stapel ungelesener Bücher wachsen, während sich Musik und zum Teil auch Film/Fernsehen nebenher konsumieren lassen. Das Buch bedarf ungeteilter Aufmerksamkeit und bietet im Vergleich zu anderen Medien ein unschlagbares Preis/Leistungsverhältnis: man teile die Anzahl der Stunden, die man mit einem Werk wie Pynchons „Gegen den Tag“ unterwegs ist, durch den Preis der Hardcover-Ausgabe. Das Buch bindet also wie kein anderes Medium Zeit, was den Konkurrenzkampf noch verstärkt.

Sicherlich ist es positiv, dass etliche Leser durch die derzeitige Hochpreispolitik beim E-Book zu den kostenlos erhältlichen gemeinfreien Büchern wechseln. Es sind dort neben den bekannten Klassikern etliche Schätze verborgen, unbekannte, verfemte, vergessene Autoren. Auf die darf und soll man sich freuen. Aber diese Verschiebung könnte bedeuten, dass die Auflagenzahlen gerade im anspruchsvolleren zeitgenössischen Literatursektor weiter sinken – diese ließen sich nur durch höhere Buchpreise auffangen. Oder man wagt das Experiment und setzt darauf, dass wohl die meisten Leser auch Büchersammler sind. Immerhin ist der Platz im virtuellen Bücherregal nahezu unendlich groß. Die zwei Gigabyte interner Speicher im Oyo reichen für rund 8.000 Bücher im E-Pub-Format, eine handelsübliche Ein-Terabyte-Festplatte hält nach dieser Rechnung rund vier Millionen Bücher auf Abruf bereit.

Damit bietet sich die elektronische Variante an, neben der Weltliteratur die Literatur der Welt zu sammeln – wenn die Preise sinken. Aber auch ein anderer Ansatz wäre möglich, der ja längst über den Experimentierstatus hinaus ist, wenn auch weniger erfolgreich. Stichwort „Flatrate“. Wie wäre es mit einer „Literaturflatrate“, mit der man Zugriff auf die gesamte Literatur hätte – sofort und uneingeschränkt?

In diese Richtung weist zum Beispiel das Angebot der
Online-Leihe der Stadtbibliotheken in Deutschland, Schweiz und Österreich, die für fast 150 Städte verfügbar ist. Dort kann man sich – Bibliotheksausweis vorausgesetzt – kostenlos für einen begrenzten Zeitraum E-Books (sowie Zeitungen, Video, Hörbücher und Musik) ausleihen. Etwas absurd: Nur jeweils ein Anwender darf sich das Buch herunterladen, für andere steht es bis zur (automatischen) Rückgabe nicht mehr zur Verfügung.

Man darf derzeit träumen. Von einer grenzenlosen, überall verfügbaren Bibliothek. Bis es soweit ist (es wird irgendwann kommen!), muss man sich mit kleinen Häppchen begnügen. Ein erster Schritt hierhin sind sinkende E-Book-Preise. Vielleicht kommt tatsächlich irgendwann eine Medienrevolution, dafür müssten sich allerdings Leser und Autoren aus der Aufmerksamkeits-Umklammerung der Buchindustrie befreien. Ob ausgerechnet die Kette Thalia mit ihrem Gerät dazu beiträgt, bleibt abzuwarten.

Auch wenn die maßlose Bibliothek Realität werden wird, sie ersetzt nicht das gedruckte Buch. Das wird wertvoller werden – die virtuelle Bibliothek ist das Rauschen, aus dem eine sorgfältig ausgewählte Bibliothek des Wesentlichen entstehen kann.
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