Die verlorene Milena-Kolumne

Auf Mac & i aus dem Heise-Verlag erschienen insgesamt vier Milena-Kolumnen. Diese letzte fehlt. Und sei hiermit nachgereicht. In Gedenken an Steve Jobs ...
California Dreaming

"Weißt du was?" fragte Milena.
"Nein."
"Dachte ich es mir doch."
Ich runzelte die Stirn. Milena schwieg.

"Was willst du wissen?" fragte ich.
"Ach, nichts."
"Komm schon."
Sie seufzte.
"Du könntest ein wenig abnehmen."
"Könnte ich, aber ich bin eher der Woz-Typ."
"Und das heißt?"
"Es gibt drei Sorten von Menschen. Den Steve, den Woz und den Ballmer."
"Aha. Und was bin ich?"
"Der Steve-Typ. Schlank, mit einem Hang zum Vegetarismus."
"Ich mag Fleisch. Schnitzel."
"Gut, das rückt dich eher in die Nähe von Ballmer."
"Dem Affen von Microsoft?"
"Ach, komm", sagte ich.

"Und was ist ein Woz-Typ?"
"Steve Wozniak erfreut sich an schönen Dingen und lässt sich von Technik begeistern - und ist ein bisschen dick", sagte ich.
"Ein Nerd also."
"Kann man so sagen."
"Und der Ballmer-Typ?"
"Der ist anders."
"Klar. Aber wie?"
"Also, die Ballmers haben kein Problem, mit großer Klappe Luft zu verkaufen."
"Und das ist bei Steve Jobs anders?"
"Der hat die Luft perfektioniert."
Milena hob ihre linke Augenbraue und sah hinreißend aus.
"Du willst nur davon ablenken, dass du abnehmen könntest. Und das Rauchen hast du auch nicht aufgegeben."
"Das sind aber zwei Wünsche, die sich widersprechen. Was ist dir denn wichtiger? Dass ich abnehme oder mit dem Rauchen aufhöre?"
"Geht doch um deine Gesundheit."
"Es geht um Lebensqualität und außerdem rauche ich fast gar nicht mehr."
"Ich trinke auch fast keinen Champagner mehr. Warum bin ich denn nun ein Steve-Typ?
"Du willst alles kontrollieren."
"Quatsch. Am liebsten würde ich dich für diese Bemerkung feuern."

Ich seufzte. Wir beschlossen, auszugehen, Milena schlug das "Silberfisch" vor.
"Diese In-Bar, in der man nicht rauchen darf? Das ist überhaupt eine der Fehlentwicklungen überhaupt. Ich meine, wenn man sich schon zugrunde richten will, dann komplett."
"Es ist sehr hübsch und da hängen eben nicht die Looser ab, die ihr monatliches Einkommen in Schnaps und Kippen investieren."
"Da gibt es auch was zwischen."
"Die drei Typen, hm?"
Ich gab mich geschlagen.

Im Silberfisch blätterte ich lustlos in der Karte.
"Die haben kein Guinness hier", sagte ich.
"Nimm doch ein Kölsch."
"Das haben die nur in der Flasche."
"Macht doch nichts, bestell einfach ein Glas dazu."

Ich verzog das Gesicht und bestellte ein Kölsch, Milena eine Weißweinschorle.

"Du hast vergessen, das Glas zu bestellen", sagte sie.
"Das bringen sie automatisch."
"Warum?"
"Weil es darum nicht geht."
"Du weißt alles besser."
"Ich denke, ich weiß nichts?"
"Och. Ich hab eine Idee." Sie fasste meine Hand. "Du wirst ein wenig mehr Jobs und ich Woz."
"Du willst zunehmen?"
"Würde dir das gefallen? Du hättest dann bisschen mehr von mir."
"Ich weiß nicht."
"Eigentlich bin ich innerlich eher ein Woz-Typ, glaube ich. Den mag ich, der ist irgendwie gerade und einfach. Und du bist eher Ballmer."
"Ich will kein Ballmer sein. Das ist wie in der Schule, den schlechtesten Fußballspieler stellen sie ins Tor und der muss dann immer herhalten."
Milena lächelte süffisant und nippte am Wein.
Ich nippte an meinem Kölsch.

In der Jukebox drehte sich zum dritten Mal hintereinander "California Dreaming", an den Scheiben der Bar rann der Regen hinab und löste die Welt draußen auf.
"Eigentlich ist es doch egal, was für ein Typ ich bin", sagte ich.
Milena nickte. Das Kerzenlicht verstreute kristallene Effekte durch das Weinglas.
"Ich feuere dich nicht", sagte Milena. "Auch wenn du nicht unbedingt das machst, was ich will."
Ich gab ihr einen Kuss und sah aus dem Augenwinkel, wie der Hebel in der Jukebox die CD anhob und wieder senkte. "California Dreaming." Wir schauten zu, wie silberne Fische durch die schwere Luft schwammen.

Nein, wir waren beide kein Ballmer, aber auch kein Woz oder Jobs. Wir waren einfach nur wir selbst.
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