Schreibmaschine für Schriftsteller II: Das Netbook Pro

Es war einmal – das Netbook. Das feiert nun sein 10-jähriges Jubiläum, im Jahr 2000 veröffentlichte der Hersteller Psion ein geniales Stück Hardware, das auch heute noch überzeugen kann. Einen ausführlichen Artikel zum alten Netbook hatte ich „unlängst“ auf diesen Seiten veröffentlicht.

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Aber dann geschah das Unfassbare: Mein tatsächlich zehn Jahre altes und intensiv genutztes Gerät verabschiedete sich mit dem berüchtigten Display-Flackern. Ein Ersatz musste her.


Der war schnell gefunden, der Händler Pulster bietet nach wie vor neue und gebrauchte Psion-Netbooks an. Zur Zeit erhält man dort den Nachfolger des Netbooks. Das Netbook Pro erschien 2004 und bietet deutlich "modernere" Hardware.

Wenn man das Gerät der schlichten Verpackung entnimmt, dann fällt zuerst das überarbeitete Design auf. Über Geschmack lässt sich nicht streiten, das alte Netbook überzeugt durch Leder-Besatz und eine dezentere Optik. Das Pro-Modell wirkt durch das helle Silbergrau und den zweigeteilten Bezug auffälliger und etwas billiger: Das Leder musste weichen, dafür gibt es nun griffigeres Gummi und darunter eine Abteilung Kunstleder. Form-Faktor und Gewicht unterscheiden sich hingegen so gut wie nicht.

Das Pro-Modell bietet eine USB-Schnittstelle, für deren Nutzung man noch in einen Adapter investieren muss (9 Euro). Damit lassen sich USB-Sticks und Festplatten anschließen. Einen Adapter braucht man in der Regel auch für die neue Kopfhörerbuchse, die ist im eher unüblichen 2,5 Millimeter-Klinkenformat ausgelegt.
Ganz ohne Adapter nutzbar ist hingegen der SD-Karten-Slot, der allerdings mit SDHC-Karten nicht zu recht kommt. Geblieben ist der Compact-Flash-Einschub, den der Hersteller allerdings ohne fummelige Klappe realisiert hat.

Die Klappe an der Unterseite des Netbooks ist nun weggefallen - statt einer (teuren) Knopfzelle verstaut man zwei AAA-Batterien in einem kleinen Fach über der Tastatur. Diese ist das Highlight des Gerätes und schlägt nach wie vor fast alles, was einem an Tasten in kleineren Notbooks und Netbooks unter die Finger kommen mag.

Der Stift für den Touchscreen entspricht dem alten, ist aber kürzer. Statt der (besseren) Schiebeverriegelung über der Tastatur dient nun ein kleiner Knopf zum Auswurf. Den passenden Stift sollte man übrigens gleich mitbestellen, denn der ist beim Pro unverzichtbar - Pulster legt beim Sonderangebot den Stift des alten Netbooks bei, der aus dem Fach ein gutes Stück hervorsteht.

Die wichtigste Hardware-Neuerung dürfte der Bildschirm sein. Statt des alten verwaschenen DSTN-Displays mit 256 Farben und 640 mal 480 Pixel stellt der neue 800 mal 600 Pixel auf einem helleren TFT dar - die Schnellsymbol-Tasten des alten Netbooks fehlen, was die Bildschirm-Nutzfläche zusätzlich vergrößert. Ein leistungsfähigerer Akku kompensiert den höheren Energiebedarf, allerdings muss das Netbook nun länger an die Steckdose, bis der Akku aufgeladen ist. Bis zu acht Stunden hält das Gerät durch, was noch immer ein guter Wert ist.

Der Hauptunterschied zwischen den Modellen ist das „neue“ Betriebssystem. Das alte Netbook erfreute den Anwender mit einem sicheren, schnellen und auf mobile Anwendungen zugeschnittenem System: Epoc. Das Pro bringt Windows CE mit, das vor allem dadurch auffällt, dass man die Redmond-Programmierer mehr als einmal in die eigene DLL-Hölle wünscht. Irgendwie hat Microsoft seinerzeit ein OS für den mobilen Einsatz hingefummelt, das es fertigbrachte, alle Mankos von Windows zu übernehmen und um neue Mankos zu ergänzen. Das beginnt schon mit der Frage, welche Programme denn auf der eigenen Hardware laufen - CE ist nicht gleich CE.

Das wäre nicht so schlimm, wenn das OS so gut ausgestattet wäre wie das alte Epoc-Betriebssystem. Ist es aber nicht. Zumindest Texte lassen sich schreiben, das einfache MS-Schreibprogramm reicht für meine Zwecke voll und ganz aus. Was aber einen Mac OS verwöhnten Anwender entsetzt, ist die Schriftendarstellung. Das Rendering ist – milde ausgedrückt – erbärmlich. Die Suche nach einer „guten Schrift“ nahm dann auch einige Zeit in Anspruch. Installiert sind sie schnell: TTF-Schrift in den Windows-Ordner „Schriften“ kopieren, fertig. Ab jetzt darf man fluchen, zumindest habe ich das getan, bis ich letztlich die „Georgia“ installiert hatte. Die ist unter CE tatsächlich annehmbar.

Welche GUI-Künstler bei Microsoft sitzen, wird an allen Ecken, Enden und Systemeinstellungen deutlich. Wenn man das Netbook ans Stromnetz anschließt, erscheint in der Taskleiste ein Batteriesymbol, über das man den Akkustand abrufen kann. Entfernt man das Netzteil, verschwindet das Symbol und man muss recht umständlich über die Systemeinstellungen gehen. Das ist MS-Idiotie in Reinkultur – wir sprechen hier von einem OS, das der Weltkonzern speziell für mobile Geräte entwickelt hat.

Um unterwegs nun doch auf einen Blick zu erfahren, wie viel „Saft“ das Gerät noch hat, kommt man an zusätzlicher Software nicht vorbei. Mit ResInfo funktioniert das so, wie es eigentlich von Haus aus sein sollte: In der Taskleiste nistet sich das Batteriesymbol mit einer Prozentanzeige des Akku-Füllstandes ein. Die ist dann auch wesentlich genauer als beim alten Netbook.

Die Inkonsistenten ziehen sich durch die gesamte GUI von CE. Teilweise lässt sich mit Tasten navigieren, oft genug auch nicht. Manchmal kann man Programme über die Tastenkombination CTRL+W beenden, meistens aber nicht. Im Gegensatz zu EPOC zwingt CE den Anwender dazu, den Stift zu benutzen – beim alten Netbook durfte man den auch mal vergessen.

Über die Absturzfreudigkeit von CE kann ich noch nichts berichten (man hört da wenig Gutes, was ich aber zur Zeit nicht bestätigen kann). Epoc war jedenfalls „bombensicher“, in zehn Jahren ist tatsächlich nur ein Mal abgestürzt.

CE hat aber gegenüber Epoc aber nicht nur Nachteile. Man kann ohne Konvertierungs-Aufwand direkt im RTF-Format sichern – allerdings ist RTF dem MS-Text-Viewer zugeordnet, eine der ärgerlichen Microsoft-Entscheidungen. Mit SoftMaker gibt es ein Office-Paket, das der Hersteller sogar noch weiterentwickelt (hat). Die Textverarbeitung bietet zum Beispiel eine Rechtschreibkorrektur und Änderungsverfolgung. Mein Workflow ist allerdings anders, da ich das Netbook (Pro) nur für die Rohfassung verwende und die Texte auf dem Mac montiere und überarbeite.

Mit dem kleinen Windows-Media-Player und einem passenden Kopfhörer kann man das Netbook nun auch als MP3-Player missbrauchen – den eingebauten Lautsprecher habe ich zur Kenntnis genommen. Fotos zeigt das Gerät dank des neuen Displays wesentlich besser an - brillant ist aber etwas anderes, zudem dauert es einfach zu lange, bis das Gerät etwas darstellt. Etwas besser sieht es bei PDFs aus, wobei der Viewer lediglich rudimentäre Funktionen bietet und auch nicht jedes PDF darstellen kann. Um den Acrobat Reader für CE sollte man allerdings einen großen Bogen schlagen, nach diversen Anwenderberichten ersetzt dieser eine DLL durch eine eigene. Andere Applikationen funktionieren dann nicht mehr (richtig).

Man darf ein wenig fantasieren. Das optimale Gerät wäre für mich die Hardware des Pro in der alten Optik und - ganz wesentlich - EPOC. Multimedia und Internet brauche ich auf dem Gerät nicht. Dafür schafft man sich besser das iPad an.

Nach rund sechs Wochen Nutzung kann ich das neue Gerät insgesamt empfehlen. Man merkt den "Dinosauriern" an, dass es keine Billigheimer waren, wie sie aktuelle Netbooks oft genug sind. Erstaunlich ist auch der hohe "Poser-Faktor" - auf das Netbook (Pro) werde ich sehr oft angesprochen. Die Hardware wirkt eigenwillig, durch die Stiftbedienung zudem überraschend modern - obwohl es das zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung schon nicht mehr war. Die Vorteile im täglichen Einsatz bleiben aber: Geräuschlosigkeit, acht Stunden Akkulaufzeit (mit Pro-Akku), Instant On-and-Off, schnelles Starten von Programmen, hervorragende Tastatur und robuste Hardware.
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