Gene Crupa

Die Weihnachtshölle (Eine kleine Adventsgeschichte)

„Humbug, alles Humbug“, sagte Michael und trommelte mit den Fingern auf der Theke ein imaginäres Schlagzeugsolo.
„Was ist Humbug?“
„Weihnachten.“
Ich trank einen Schluck Wodka und sah danach ins Glas, in dem sich das Licht der Bardekoration spiegelte. Ich nickte.
„Frauen sind auch schlimm“, sagte Michael, hörte auf zu trommeln und dachte nach.
Ich bestellte ein neues Glas Wodka und nickte, obwohl ich Frauen nicht schlimm fand.
„Aber Weihnachten und Frauen zusammen, das ist die Hölle“, sagte er und fing wieder an zu trommeln.
So langsam verstand ich, was er sagen wollte, und ich fragte „Warum?“
„Lisa will einen Tannenbaum, und ich soll ihn besorgen.“
„Hm, ja.“
„Das heißt, ich bin so gut wie verheiratet.“ Er hörte wieder auf, Lärm zu machen.
„Das wird schon“, sagte ich.
Jetzt kippte Michael den Wodka hinunter und bestellte einen neuen. Für mich gleich mit.
„Was soll ich jetzt machen?“ fragte er.
„Das, was sie sagt.“
„Meinst du wirklich?“
„Nein. Aber alles andere hat keinen Sinn.“
Er überlegte. Er überlegte lange, zum Glück hielt er dabei die Finger still. Ich trank drei Wodka, die Lichterkette verschwamm langsam zu einem Bandwurm, die anderen Gäste sahen schon viel sympathischer aus. Eine etwas ältere Frau mit langen Zöpfen und rosa Bluse am Stehtisch, die gerade in eine Bratwurst biss, wirkte auf mich sogar fast erotisch anziehend. Ich sah wieder in mein Glas und schwor, nächstes Jahr mit dem Saufen aufzuhören.
„Ich glaube, ich tue es“, sagte Michael.
„Was?“
„Sie heiraten.“
„Hilft nichts. Du musst den Tannenbaum trotzdem besorgen.“
Michael sah mich an. Nickte. Begann wieder, Gene Crupa zu imitieren.
„Na gut“, sagte er und legte seine Hände flach auf die Theke, „du hast Recht. Ich besorge also diesen verdammten Tannenbaum, und dann heirate ich sie.“
Ich klopfte ihm auf die Schulter. Er grunzte. Wir stießen noch mal an, dann sah ich kurz hinüber. Die Frau schob den letzten Zipfel der Bratwurst in den Mund und lächelte mich an. Ich prostete ihr zu. Michael hatte Recht. Frauen und Weihnachten, das ist die Hölle. Aber wer will schon den Himmel, wenn es eine solche Hölle gibt?

Diese Geschichte wurde für den Adventskalender der Büchereulen geschrieben und erschien am 5.12.2006. Den Kalender mit vielen wunderbaren Texten lege ich jedem Leser ans weihnachtlich gestimmte Herz. Ich freue mich jedenfalls sehr über die vielen unterschiedlichen Geschichten, Gedichte und Kochrezepten von bekannten und werdenden Autoren.
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