Geschichte

Die Weihnachtshölle (Eine kleine Adventsgeschichte)

„Humbug, alles Humbug“, sagte Michael und trommelte mit den Fingern auf der Theke ein imaginäres Schlagzeugsolo.
„Was ist Humbug?“
„Weihnachten.“
Ich trank einen Schluck Wodka und sah danach ins Glas, in dem sich das Licht der Bardekoration spiegelte. Ich nickte.
„Frauen sind auch schlimm“, sagte Michael, hörte auf zu trommeln und dachte nach.
Ich bestellte ein neues Glas Wodka und nickte, obwohl ich Frauen nicht schlimm fand.
„Aber Weihnachten und Frauen zusammen, das ist die Hölle“, sagte er und fing wieder an zu trommeln.
So langsam verstand ich, was er sagen wollte, und ich fragte „Warum?“
„Lisa will einen Tannenbaum, und ich soll ihn besorgen.“
„Hm, ja.“
„Das heißt, ich bin so gut wie verheiratet.“ Er hörte wieder auf, Lärm zu machen.
„Das wird schon“, sagte ich.
Jetzt kippte Michael den Wodka hinunter und bestellte einen neuen. Für mich gleich mit.
„Was soll ich jetzt machen?“ fragte er.
„Das, was sie sagt.“
„Meinst du wirklich?“
„Nein. Aber alles andere hat keinen Sinn.“
Er überlegte. Er überlegte lange, zum Glück hielt er dabei die Finger still. Ich trank drei Wodka, die Lichterkette verschwamm langsam zu einem Bandwurm, die anderen Gäste sahen schon viel sympathischer aus. Eine etwas ältere Frau mit langen Zöpfen und rosa Bluse am Stehtisch, die gerade in eine Bratwurst biss, wirkte auf mich sogar fast erotisch anziehend. Ich sah wieder in mein Glas und schwor, nächstes Jahr mit dem Saufen aufzuhören.
„Ich glaube, ich tue es“, sagte Michael.
„Was?“
„Sie heiraten.“
„Hilft nichts. Du musst den Tannenbaum trotzdem besorgen.“
Michael sah mich an. Nickte. Begann wieder, Gene Crupa zu imitieren.
„Na gut“, sagte er und legte seine Hände flach auf die Theke, „du hast Recht. Ich besorge also diesen verdammten Tannenbaum, und dann heirate ich sie.“
Ich klopfte ihm auf die Schulter. Er grunzte. Wir stießen noch mal an, dann sah ich kurz hinüber. Die Frau schob den letzten Zipfel der Bratwurst in den Mund und lächelte mich an. Ich prostete ihr zu. Michael hatte Recht. Frauen und Weihnachten, das ist die Hölle. Aber wer will schon den Himmel, wenn es eine solche Hölle gibt?

Diese Geschichte wurde für den Adventskalender der Büchereulen geschrieben und erschien am 5.12.2006. Den Kalender mit vielen wunderbaren Texten lege ich jedem Leser ans weihnachtlich gestimmte Herz. Ich freue mich jedenfalls sehr über die vielen unterschiedlichen Geschichten, Gedichte und Kochrezepten von bekannten und werdenden Autoren.
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Giraffen

Ich hatte die Fenster mit einem schwarzen Bettlaken verhängt, doch an der linken Seite schlich sich die Morgensonne in mein Zimmer und blendete mich.

„Giraffen“, dachte ich. Es war mein erster Gedanke an diesem frischen Tag. Ich war schon seit einem Jahr in Berlin, doch ich kannte immer noch niemanden hier. Die Stadt war voll mit Menschen, mit denen ich nichts zu tun hatte, und die nichts mit mir zu tun hatten.

Im Zoo haben sie welche. Giraffen. Auch Elefanten, Lemuren und jede Menge Vögel. Den einen oder anderen Papageien. Ich mochte sie nicht. Es klingt vielleicht seltsam, aber ich habe Angst vor Vögeln. Vor allem vor Papageien. Man weiß nie, was sie denken, und dabei reden sie auch noch. So ähnlich wie Frauen. Es ist schon lange her, dass ich mit einer Frau zusammen war, damals, auf Island. Sie mochte Schafe, und sie wurde schwanger. Aber bevor sie unser Kind bekam, ging sie nach Amerika. Damals beschloss ich, nur noch Sachen aus der Dose zu essen. Wenigstens da kann man sicher sein, dass das, was drin ist, auch wirklich tot ist.

Seitdem ich in Berlin bin, gehe ich jeden Tag in den Zoo. Ich schaue mir die Elefanten an und hasse sie. Danach gehe ich zu den Lemuren und hasse sie ebenfalls. Am Schluss bin ich bei den Giraffen, und die hasse ich nicht. Oft stelle ich mir vor, wie es wäre, eine Giraffe zu sein, den Hals zu recken und den ganzen Tag den Kopf in die Luft zu halten. Aber ich betrachte vor allem ihre Beine. Als Giraffenjockey muss man das einschätzen können, wie schnell sie rennen, und Giraffen rennen sehr, sehr schnell. Tatsächlich bin ich noch nie geritten, aber für einen Pferdejockey bin ich zu groß. Und außerdem hasse ich Pferde.

Wenn ich in mein Zimmer zurückkomme, schaue ich an die Wand, auf die ich mit einem schwarzen Filzstift die Landkarte von Afrika gemalt habe. Überall, wo es Giraffen gibt, stecken Markierungen in der Wand. Und dann stelle ich mir vor, wie ich mit anderen Jockeys am 1. afrikanischen Giraffenrennen teilnehme. Ich werde der einzige Weiße sein, und alle werden mich auslachen, vor allem die Frauen. Die lachen immer. Aber am Ende werde ich alle überraschen und gewinnen, und die hübscheste der Frauen, eine mit einem irrsinnig langen Hals, wird ihre Arme um mich schlingen und Kinder von mir haben wollen. Wir werden im Busch leben, Giraffenbabys großziehen und natürlich unsere eigenen Babys, von denen wir jedes Jahr ein neues haben werden. Und aus den ganzen leeren Dosen werden wir uns ein prachtvolles Häuschen bauen, das unter der afrikanischen Sonne funkelt und glänzt.

„Giraffen sind gut“, sagte ich laut und stand auf.


Text für den Schreibwettbewerb der Büchereulen, Juni 2006, Thema „Sport“, 1. Platz
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Zugfahrt

Sie sitzt, die Schenkel leicht geöffnet und nackt, zurückgelehnt. Wärme ersetzt das Tuch, die Luft ist Stoff genug.

Wenn ich in das Gesicht der schlafenden Frau gegenüber sehe, ihren Lippen folge, die leicht nach vorne gestülpt sind, zwischen ihnen ein Spalt, dann werde ich friedlich. Ich muss nichts tun, darf weich sein, ganz Blick. Ich stelle mir vor, die Luft zu sein, die sie einatmet. Dass ich es wäre, der sie erhitzte, die Ursache des leichten Schweißfilmes auf ihrer Haut. Ich betrachte die blonden Härchen auf ihren Oberschenkeln, die aufgerichtet sind. Es wird wärmer. Sie öffnet ihre Augen, sieht mich an, ein Moment, der sich dehnt, ausweitet. Ein Fenster wird geöffnet, der Fahrtwind kühlt kaum, sie schließt ihre Augen wieder, und ich bin sicher, sie träumt jetzt einen ähnlichen Traum wie ich, einen Traum aus Berührungen.

Ein Geräusch, wie wenn Papier reißt. Ich schaue nach draußen, ausgezogene Bäume, deren Äste die Zeichen einer unbekannten Schrift sind, Laufschrift, Fahrtschrift, sie wird spärlicher, die Leerräume füllen sich mit Wüstensand, die Schienen führen in ein Meer aus Sand. Als es dunkler wird und die Innenbeleuchtung sanftes Licht streut beginnen die Fenster zu spiegeln, und im Fenster hängt ihr Lächeln in der Luft, ein Lächeln aus geschwollenen Lippen, der Spalt zwischen den Lippen ein dunkles Loch, in das ich hineinschaue, um die Lust der Nacht zu begreifen.

Ich möchte etwas sagen, aber habe Angst, dass ihr Lächeln sich dann auflöst, und mit dem Lächeln sie.

Wieder das Geräusch. Am Horizont brennen Ölfelder, oder nur der neue Tag, der beginnt, gegen einen Himmel aus Rauch zu kämpfen.

Ich weiß nicht, was passiert. Um mich herum liegen Zeitungsfetzen, die Schatten der Dinge, die geschehen sind, und ein verschwommenes Bild von dem, was sein wird.

Sie trinkt einen Schluck Wasser.

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Eine Maus bleibt eine Maus

Es kommt im Leben einer Maus der Zeitpunkt, da ihre Barthaare zittern und sie spürt, dass sich etwas verändert hat. Dass es Zeit ist für etwas Neues und sie weiter ziehen muss. Spätestens dann, wenn kein Käse mehr im Kühlschrank ist oder die Katzen vor dem Mauseloch lauern. Oder beides. Vielleicht mache ich mich auf nach Machwo, um im „Fröhlichen Elchen“ unterzutauchen. Dort treffe ich bestimmt Milena, Peter den Bürgermeister und die ganzen anderen verrückten Menschen in diesem schönen Dorf mit seinen zwei Seen und der Radiosendung „Guten Morgen Machwo“. Ich denke wehmütig zurück an meine Reisen auf den Apfelplaneten, Frau Oh, an Pinguine, Nächte in Shanghai und heiße Liebschaften in Berlin, aber auch an die wenigen Höhepunkte in meiner kurzen Zeit als Reporter.

Wie an die letzte Veranstaltung von Gott. Er hielt, leger elegant im schwarzen Rolli, eine seiner berüchtigten Keynotes vor den Engeln und erklärte, was für Updates und Neuentwicklungen er für die Welt geplant hatte. Das Beste hielt er sich, wie immer, für den Schluss auf: „one more thing“. Das waren immer tolle Sachen wie Gravitation, Planetensystem, schwarze Löcher oder iPods. Dieses Mal war aber alles anders. Er machte eine längere Pause, sein linker Mundwinkel hob sich zu einem süffisanten Grinsen, und er stellte vor: „die Frau“. Ein Raunen ging durch die Menge. „Wir sind vom Modell Mann einfach enttäuscht, es ist immer noch nicht bei drei Gedanken in der Minute angekommen, und es verbraucht einfach zu viel Bier pro Takt.“ Leicht zustimmender Beifall. „Und wir haben vorgearbeitet. Während wir Mann weiter pflegten, haben wir für Frau das Betriebssystem parallel entwickelt. Wir nennen das Übersetzungsprogramm „Muschili“, und alle Gedanken von Mann funktionieren schon jetzt auf Frau.“ Erstaunen im Publikum. „Aber das Beste ist“, fuhr Gott fort und rieb sich seinen Dreitagebart, „bis zum nächsten Jahr haben wir die komplette Produktlinie auf Frau umgestellt.“ Ein erster Begeisterungssturm fegte durch die Halle, Federn flatterten über den Köpfen. „Aber das ist noch nicht alles. Die erste Frau ist genau jetzt verfügbar – zwei Attribute für pure Leistung, kein Kabel, über das man stolpern kann, und schlanker ist es auch noch.“ Nun kannte das Publikum kein Halten mehr. Tosender Applaus, Hochrufe, einige Engel in der ersten Reihe sanken ohnmächtig zusammen. Gott verneigte sich, lächelte charmant, warf einige Heiligenscheine in die Menge und verschwand in seinem schwarzen Mercedes.

Ich seufze, als das Telefon mich aus meinen Erinnerungen reißt.
„Maus?“ Ich erkenne die zornesbebende Stimme des Verlagsleiters.
„Ja?“
„Es gibt Beschwerden.“
„Ach?“
„Du hast schon wieder Frauen mit Computern verglichen.“
„Nein, würde ich nie.“
Pause.
„Frauen sind viel komplizierter als Computer“, füge ich hinzu, „und außerdem sind die Abstürze schlimmer.“
Pause.
„Chef?“
Im Hörer tutet es. Er hat aufgelegt. Ich überlege, ob ich mal wieder etwas Falsches gesagt habe. Nun ja. Frauen sind Frauen, Männer sind Männer, und Computer sind nun mal Computer. Aber ich bin mir sicher, Gott hätte mich verstanden. Ich öffne ein Bier und proste ihm zu. Schließe meinen Computer und schaue lange das kleine pulsierende Licht an.
Vielleicht finde ich im Kühlschrank doch noch ein Stück Käse. Wenn ich Glück habe ein Stück Emmentaler. Und mit den Katzen werde ich auch irgendwie fertig. Schließlich bleibt am Ende eine Maus doch immer eine Maus.

Euer Marc Maus


Die Marc Maus-Kolumnen erschienen monatlich in der Zeitschrift MacLife. Die Gründe, warum ich sie unter Pseudonym veröffentlichte, sind mir nicht mehr bekannt. Und waren wahrscheinlich unwichtig.
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