Im Schatten des Flügelschlags

Im Schatten des Flügelschlags: Der Roman auf Twitter

Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren: Ab dem 3. Mai 2010 veröffentliche ich zusammen mit Motu One den kompletten Roman Im Schatten des Flügelschlags auf Twitter. Das schnellste Medium verwandelt sich dabei in das langsamste – rund 3500 Tweets zerlegen das Buch über ein Jahr lang in seine Elementarteilchen. Täglich findet man dann 10 Tweets jeweils zur vollen Stunde, um 9 Uhr morgens geht es jeweils los.

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Die Twitter-Fassung bildet das „unbehandelte“ Manuskript ab, eine lektorierte Fassung folgt voraussichtlich im Herbst als Buch und iPhone/iPad-E-Book über den jungen Verlag Motu One.

Ich freue mich sehr darüber, dass der „Flügelschlag“ nach etlichen Irrungen und noch mehr Wirrungen nun in die Öffentlichkeit gelangt, fast genau fünf Jahre nach Buchpremiere von „Mein Leben mit Mitsu“. Ursprünglich wollte der Brandneu-Verlag „Im Schatten des Flügelschlags“ bereits 2006 auf den Markt bringen – Mitsu sollte das einzige gedruckte Buch des engagierten Verlegers bleiben.

Es ist ein eigenartiges Gefühl, das Buch in einzelne Sätze und Satzfragmente aufzuteilen. Jeder Satz über Twitter ist nun betont, steht für sich - aus dem Roman wird eine andere Form, eine Zwischenform.

„Er war ein Mensch, der selten einen Gedanken loslassen konnte, um einen neuen zu fassen.“ (5. Mai 2010 um 15 Uhr)

[Update] Marc-Michael Schoberer vom Gutenberg.blog hat einen schönen Artikel über das Projekt veröffentlicht.

[Update 2] Eine kleine Diskussion hat sich beim Kollegen Ronald Puhle auf Mausmaler entwickelt: Ist der Twitter-Roman ähnlich „blödsinnig“ wie die – gedehnte – Umsetzung eines John Cage-Stückes? Irgendwie mag mich dieser hinkende Vergleich begeistern.
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Im Schatten des Flügelschlags

Es war schon September, als ich Pinguin wieder traf. Er hatte ebenfalls beschlossen, seine wenigen Sachen zu packen und aufzubrechen. Zuerst fuhr er nach Norwegen, was ein großartiges Land für frischen Fisch ist, aber ansonsten ziemlich leer wirkt. Also fuhr er wieder zurück, genoss gute Nudeln in Rom, begann aber schnell den Regen zu vermissen. Er nahm den nächsten Zug nach Paris, kam mit Einbruch der Dunkelheit an, und jetzt stand er da in meiner Lieblingsbar, dem Quaimond, lauschte St. Germain und obskuren Miles Davis-Remixen. Er trank einen Glenfiddich nach dem anderen. Wir hatten immerhin bei Whisky den gleichen Geschmack. Er wankte schon leicht, aber als er mich erkannte hätte er wahrscheinlich, wenn er kein Pinguin gewesen wäre, breit gelächelt und einen Freudenschrei ausgestoßen. Er hätte das gleiche gemacht wie ich. Seit diesem Abend lebten wir wieder zusammen.

„Weißt Du warum sie mich verlassen hat?“
Ich schaute den Pinguin an. Der sagte nichts aber tat so, als ob er mich verstünde. Ich würde ihm wohl später etwas frischen Fisch geben. Forelle. Ich ging zum Kühlschrank, der erstaunlich aufgeräumt war. Was eine wohlwollende Umschreibung für „fast leer“ ist. Nur einige Dosen Bier und eine Forelle waren darin zu finden.
„Es ist gut, im Nichts zu sein.“ dachte ich.
Ich nahm den Fisch heraus, gab ihn dem Pinguin, schloss nachdrücklich die Kühlschranktür, setzte Wasser auf und rührte eine asiatische Nudelsuppe aus der Tüte zusammen. Das Licht in der Küche flackerte. Ich drehte an der Glühbirne und verbrannte mir die Finger. Ich ließ das Licht weiter flackern. Der Pinguin blieb bemerkenswert stoisch.
„Möchtest Du einen Eiswürfel haben? Dir ist bestimmt zu warm.“
Er schüttelte den Kopf.
„Gut, dann lass uns was essen.“
Wir aßen. Die Nudeln schmeckten nach Sesam. Immerhin. Ich versuchte an etwas zu denken, aber es gelang mir nicht. Es waren keine Bilder mehr da.
„Was für ein Tag ist heute?“
Irgendwann hatte ich vergessen, dass es Wochentage gibt. Jeder Tag war wie der andere, es machte einfach keinen Sinn sie zu benennen. Ich gab dem Pinguin eine Dose Bier. Er sah sie äußerst verständnislos an. Ich erklärte ihm, dass es gut sei, manchmal ein Bier zu trinken. Wenn es Nacht ist. Und der Kühlschrank fast leer. Der Pinguin schwieg. Es gibt kaum etwas Schlimmeres als ein Pinguin, der schweigt. Ich sah ihn lange an. Und begann ebenfalls zu schweigen.

Es war wieder morgen geworden. Zumindest war es hell draußen, und der Himmel bis auf eine kleine Wolke leer. Die Geräusche machten Ferien. Der Pinguin schlief noch und war nicht umgefallen. Pinguine sollen nämlich umfallen, wenn sie vom Dösen in den Tiefschlaf wechseln. Meiner tat das nie. Es musste noch ziemlich früh sein, und ich war nur aufgewacht, weil ich zu laut geschnarcht hatte. Es wäre gut, jetzt einen Kaffee zu machen. Wenn sich dieser Tag überhaupt lohnte. Aber ich würde irgendwann etwas tun müssen. Zum Beispiel den Kühlschrank auffüllen, der ja nun gänzlich leer war. Ich machte mir eine Liste für den Tag:
Kühlschrank auffüllen
Weiterschlafen
Pinguin füttern
Über Hamster nachdenken
Über Frauen nachdenken
Ergebnisse des Nachdenkens mit Pinguin besprechen
Das Telefonbuch weiter lesen.
Seitdem Pinguin da war hatte ich das mit den Postkarten aufgegeben und mich darauf konzentriert, uns das Telefonbuch vorzulesen. Ich war immerhin schon fast bei D angelangt. Und das in Paris. Ich las uns immer nur Namen und Nummern vor. Vielleicht würde eines Tages jemand kommen und sagen „Sie haben das Telefonbuch gelesen? Großartig, ich gebe Ihnen einen Job“. Langsam wurde das Geld knapp, ich konnte vielleicht noch zwei Monate so weiterleben. Höchstens.
„Wir können einfach weitermachen, nichts zu tun. Gar nicht so einfach, die Sinnlosigkeit zu akzeptieren“, sagte ich zu Pinguin.

Ich hatte eingekauft, Käse, Baguette, Rotwein und viele kleine Fische. Es wurde schon wieder dunkel. Ich las uns weiter aus dem Telefonbuch vor. Der Pinguin nickte verständnisvoll.
Ich unterbrach das Lesen und schaute ihn lange an.
„Ich glaube, wir sind jetzt wirklich angekommen.“

(Ausschnitt aus Im Schatten des Flügelschlags)
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