Kritik

Imagination vs. NLP

Mütter sind etwas ganz wunderbares, um alte gedruckte Medien wieder zu entdecken. In diesem Fall eine Ausgabe des „Spiegels“, der überraschenderweise noch immer neben dem allseits unbeliebten Online-Auftritts auch eine Papierausgabe unterhält. Das Titelblatt versprach neue Erkenntnisse über die menschliche Intuition, in einem Kasten vertieft „Emotionen sind das neue Lieblingsthema der Denker“, nämlich seit Nietzsche mit seinem „Hammersatz“ (so steht das da) „Gedanken sind die Schatten unserer Empfindungen – immer dunkler, leerer und einfacher als diese“.

Um es kurz zu machen: so ziemlich alles, was in dem Artikel an „neuen“ Erkenntnissen präsentiert wird, hat man schon gewusst, oder zumindest intuitiv erahnt. Bis auf eine Kleinigkeit, die ich jetzt besser fassen kann. Und allein deshalb hat sich die Beschäftigung mit den 12 Seiten vielleicht doch gelohnt. Unbewusst wusste ich es schon immer: an NLP, der neurolinguistischen Programmierung, stimmt etwas nicht. Spätestens seitdem eine Kreativitätstrainerin versuchte, einem Haufen leidlich neurotischer Kunstschaffender (was liebevoll gemeint ist) die Feinheiten der Kreativität zu vermitteln. Ich war auch dabei, denn ich war neugierig, nachdem ich ein Jahr zuvor in einer Hotellobby mit Edward de Bono sinnlos rumgealbert hatte.

Nun saßen wir mit dieser „Kreativitätsmanagerin“ an einem Tisch und mussten (durften) zu Beginn Karten ausfüllen, auf die wir unsere Definition von Kreativität hinterlassen sollten. Sie nahm die ausgefüllten Karten an sich, schaute sie kurz an, schüttelte den Kopf, und steckte die Zettel weg. Erster Fehler. Der zweite Fehler: sie versuchte uns, den „neurotischen Künstlern“, zu erklären, was Kreativität wirklich ist. Danach war Stille. Und wenig später drehte sich die Lehrsituation um. Zumindest hätte sie viel lernen können, aber erstmal programmiert, ist es aus mit der Lernfähigkeit, und ihr Versuch, NLP, Kreatvität und Künstler zu verbinden, misslang auf groteske Weise. Im Spiegelartikel steht warum: das Unbewusste weiß mehr, besser und schneller, und der Versuch der NLP, über das Bewusstsein Einfluss zu nehmen, erzeugt einen Tunnel. Enge. Verzweiflung. Die Verbindung zum „tiefen Wissen“, der Intuition, wird zugunsten eines „sei glücklich“-Programms unterbrochen.

Nun ja, intuitiv hatte ich das schon immer geahnt, und nach dem Artikel weiß ich, dass ich auf meinen Bauch hören darf: NLP ist Böse.

Nachtrag: Einen (etwas bekannteren) Hammersatz von Nietzsche möchte ich noch nachreichen: „Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch."
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