Literatur

Neues E-Book: Fleischwerdung

Für Freunde der experimentellen Literatur: Vor „Mein Leben mit Mitsu“ gab es ein anderes Schreibleben.

Fleischwerdung: Eine Anleitung zur Mensch-Maschine erschien 1997 in einer kleinen bibliophilen Auflage, handgebunden und auf faszinierendem Japan-Papier gedruckt (teils silberfarben, andere Ausgaben auf weißem Papier mit silberfarbenen Fasern). Was mich bei der Überarbeitung erstaunt hat: Die „Fleischwerdung“ ist heute aktueller und vielleicht wichtiger als damals.


fleischwerdung
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Ausnahmezustand Literatur



Am Anfang steht der Versuch, die Begriffe „Autor“ und „Schriftsteller“ zu unterscheiden – der Autor bedient den Markt und/oder die Anforderung eines Auftraggebers. Im Schriftsteller schreibt „es“. Die Grenzen sind allerdings weniger klar zu ziehen, als diese Definition suggerieren mag. Der Wunsch nach Anerkennung und Wahrnehmung sowie die simple Notwendigkeit, zu überleben, ist beiden „Gruppen“ inne. Das Ergebnis lässt sich jedoch schärfer trennen. Noch mehr Text
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Bachmannpreis 2010 [Update]

Am morgigen Donnerstag beginnen sie wieder, die Literaturspiele in Klagenfurt. Live mitgebloggt hatte ich sie zuletzt 2007. Eine kurze Kritik der Kritiker findet man ebenhier.

2008 und 2009 mussten meine Live-Berichte ausfallen, auch dieses Jahr wird es wieder nichts werden. Auf meinem Schreibtisch türmt sich die Arbeit. Für zwei kleine Hinweise reicht es aber. Gespannt bin ich auf den neuen Juror Hubert Winkels, Literaturredakteur des Deutschlandfunks in Köln. Noch mehr Text
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Schreiben gegen das Vergessen

Auf ein Projekt der Schriftstellerfreundin Corinna Luedtke (Die Nächte mit Paul oder der Tag ist anderswo) möchte ich – spät genug – hinweisen: Schreiben gegen das Vergessen. Das Projekt mit Schülern aus Hannover/Gleidingen/Laatzen mischt Schreibwerkstatt und Vergangenheitsforschung. Etliche Zeitzeugengespräche standen genauso auf dem Programm wie eine Fahrt nach Berlin, wo ich Gelegenheit hatte, die Teilnehmer kennen zu lernen.

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Ich begleite das Projekt auch als „Lektor“, am Ende steht eine Veröffentlichung als Buch. Es gibt etliche Stimmen, die eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ablehnen, es „reiche“ allmählich. Dazu kurz: es reicht „nie“, es ist wahrscheinlich die letzte Gelegenheit, um Zeitzeugen zu treffen und ihre Geschichte zu hören und es offenbaren sich erstaunliche Forschungslücken, die erst langsam in den letzten Jahren halbwegs geschlossen werden. Da bleibt noch viel Arbeit.

Letztlich geht es auch um Zivilcourage, um Ausgrenzung und – auch das – Machterhalt. Ansonsten verweise ich einfach auf die liebevoll gestaltete Webseite von Schreiben gegen das Vergessen.
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Krokodile

„Welchen Aufwand an Leben man betreiben muss, um nur einen halbwegs gelungenen Satz schreiben zu können“, sagte Eileen.
„Du bist erst Zwanzig“, sagte ich.
„Wird das später besser?“
„Nein, schlimmer. Viel schlimmer.“

„Kannst du mal ziehen?“ Sie beugte sich über den Tisch und bot mir ihr Ohr an.
„Am Ohr?“
„Am Ohrstecker. Ich bekomme den linken nicht raus.“
„Seit wann?“
„Was für ein Tag ist heute?“ fragte sie.
„Mittwoch.“
„Schön.“ Sie wackelte kurz mit dem Ohr. „Nun mach schon“
„Mach noch mal.“
Eileen wackelte wieder mit dem Ohr. Es war ein ungewöhnlich hübsches Ohr, wie ich jetzt feststellte. Ich griff zu.
„Aua. Grobian.“
Ich lächelte.
Sie zog die Nase kraus, nahm aber den Ohrstecker an sich, den ich ihr reichte.
„Warum möchtest du unbedingt schreiben?“ fragte ich.
„Weil ich so viele Gedanken im Kopf habe, die da drin gefangen sind. Wie Tiere im Zoo. Ich mache dann die Käfigtüren auf, die Elefanten mit den riesigen Schlappohren überfallen Bäckereien, Strauße laufen um die Wette den Kudamm hoch und runter und Krokodile fressen Männer, die einen enttäuschen.“
„Dann bleiben nicht viele Männer übrig. Was ist mit den Frauen, die einen enttäuschen?“

„Bestellst du mir noch etwas zu trinken?“
„Wieder ein Sex on the Beach?“
„Findest du mich hübsch?“
„Wie Apfelmus.“
Sie wackelte wieder mit den Ohren.
„Kannst du das auch?“
Ich versuchte es.
„Warum schreibst du? Du kannst nicht mal mit den Ohren wackeln. Du bist ja ganz nett, aber mit Ohren, da solltest du dich etwas besser auskennen.“
Ich nickte. „Werde ich jetzt von einem Krokodil gefressen?“ fragte ich.
„Das überlege ich mir noch.“
„Ich würde gern noch ein bisschen am Leben bleibe.“
„Und dann?“
„Bestelle ich dir einen Sex on the Beach.“

Eileen wackelte mit den Ohren. Ich kräuselte die Nase. Sie lachte. Ich sah, wie die Käfigtür sich vor mir öffnete.
Gleich morgen würde ich eine Bäckerei überfallen, den Kudamm hoch und runter rennen, und alle Frauen fressen, die mich jemals enttäuscht haben.

Text für den Schreibwettbewerb der Büchereulen, Juli 2007, Thema „Frei“.
Der Name wurde wieder in „Eileen“ geändert.


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Lesung in Hamburg, Mathilde Café



Am Dienstag, den 14. August 2007 werde ich erstmals (endlich) in Hamburg lesen:

Mathilde Café
Bogenstraße 5
20146 Hamburg

Beginn der Veranstaltung: 20.00 Uhr
Der Eintritt kostet 4,– €

Zusätzlich wird Iris Luckhaus ihre Bildern aus dem Buch „Mein Leben mit Mitsu“ präsentieren.

[Update]
Die Lesung findet im Café statt, die Ausstellung voraussichtlich in der benachbarten Bar
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Die Weihnachtshölle (Eine kleine Adventsgeschichte)

„Humbug, alles Humbug“, sagte Michael und trommelte mit den Fingern auf der Theke ein imaginäres Schlagzeugsolo.
„Was ist Humbug?“
„Weihnachten.“
Ich trank einen Schluck Wodka und sah danach ins Glas, in dem sich das Licht der Bardekoration spiegelte. Ich nickte.
„Frauen sind auch schlimm“, sagte Michael, hörte auf zu trommeln und dachte nach.
Ich bestellte ein neues Glas Wodka und nickte, obwohl ich Frauen nicht schlimm fand.
„Aber Weihnachten und Frauen zusammen, das ist die Hölle“, sagte er und fing wieder an zu trommeln.
So langsam verstand ich, was er sagen wollte, und ich fragte „Warum?“
„Lisa will einen Tannenbaum, und ich soll ihn besorgen.“
„Hm, ja.“
„Das heißt, ich bin so gut wie verheiratet.“ Er hörte wieder auf, Lärm zu machen.
„Das wird schon“, sagte ich.
Jetzt kippte Michael den Wodka hinunter und bestellte einen neuen. Für mich gleich mit.
„Was soll ich jetzt machen?“ fragte er.
„Das, was sie sagt.“
„Meinst du wirklich?“
„Nein. Aber alles andere hat keinen Sinn.“
Er überlegte. Er überlegte lange, zum Glück hielt er dabei die Finger still. Ich trank drei Wodka, die Lichterkette verschwamm langsam zu einem Bandwurm, die anderen Gäste sahen schon viel sympathischer aus. Eine etwas ältere Frau mit langen Zöpfen und rosa Bluse am Stehtisch, die gerade in eine Bratwurst biss, wirkte auf mich sogar fast erotisch anziehend. Ich sah wieder in mein Glas und schwor, nächstes Jahr mit dem Saufen aufzuhören.
„Ich glaube, ich tue es“, sagte Michael.
„Was?“
„Sie heiraten.“
„Hilft nichts. Du musst den Tannenbaum trotzdem besorgen.“
Michael sah mich an. Nickte. Begann wieder, Gene Crupa zu imitieren.
„Na gut“, sagte er und legte seine Hände flach auf die Theke, „du hast Recht. Ich besorge also diesen verdammten Tannenbaum, und dann heirate ich sie.“
Ich klopfte ihm auf die Schulter. Er grunzte. Wir stießen noch mal an, dann sah ich kurz hinüber. Die Frau schob den letzten Zipfel der Bratwurst in den Mund und lächelte mich an. Ich prostete ihr zu. Michael hatte Recht. Frauen und Weihnachten, das ist die Hölle. Aber wer will schon den Himmel, wenn es eine solche Hölle gibt?

Diese Geschichte wurde für den Adventskalender der Büchereulen geschrieben und erschien am 5.12.2006. Den Kalender mit vielen wunderbaren Texten lege ich jedem Leser ans weihnachtlich gestimmte Herz. Ich freue mich jedenfalls sehr über die vielen unterschiedlichen Geschichten, Gedichte und Kochrezepten von bekannten und werdenden Autoren.
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Leserunde Büchereulen



Wer mich ein wenig kennt weiß, dass das Forum der Büchereulen mein Leib- und Magenforum ist. Am 28.10. gab es in Berlin ein famoses Treffen im Charlottchen, das auch literarisch anspruchsvoll ausgefallen ist. Tom Liehr, Inge Lütt, Jane Sunshine, Marlowe und ich lasen neue und fast neue Texte. Etwas Besonderes war dabei das Debüt von Jane Sunshine, die sich zwischen den schon leseerfahrenen anderen Autoren behauptete und mit Apfelschorle und Tuckenwasser belohnt wurde. Nachdem die Nachwirkungen des Abends über mehrere Tage langsam abklangen, begann auch schon die Leserunde bei den Büchereulen zu „Mein Leben mit Mitsu“ und der inoffiziellen Fortsetzung „Sommer mit Schafen“.

Wie läuft so eine Leserunde ab? Einige Teilnehmer beschließen, ein Buch gleichzeitig zu lesen und zu kommentieren. Bei Beteiligung mit Autor werden diesem im besten Fall Löcher in den Bauch gefragt. Obwohl ich bei den Eulen schon etwas länger mitmische und Mitsu bereits einige gute Kritiken bekommen hatte war ich nicht nur leicht aufgeregt, sondern ein nervliches Wrack, das sich am liebsten in einer Hütte auf Tuvalu versteckt hätte. Was dann geschah übertraf meine schlimmsten Befürchtungen. Ich gehöre zu den Menschen, die mit Kritik ganz gut, aber mit Lob so gut wie gar nicht umgehen können. Natürlich weiß ich, dass nicht ich, sondern Mitsu gemeint ist, aber ein großer Teil von mir steckt in dem Büchlein, ob es nun autobiografisch ist oder nicht (ja, es war die erste Frage).

Den Rest gaben mir dann Doc und Tom mit einer wunderbaren, brillant geschriebenen Leseerfahrung ...

Manchmal werden die Worte, die man hat, ganz klein und unzureichend. Ich sitze hier mit pochendem Herzen, aufgeregt wie ein Teenager, und kann gar nicht viel sagen außer: Danke! Danke ihr Eulen – die Welt hat sich ein Stückchen nach links verschoben ...
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Leserunde mit Andreas Altmann

Zu Andreas Altmann habe ich hier auf dieser Seite schon einiges geschrieben. Im Forum der Büchereulen findet demnächst eine Leserunde mit dem Autor statt, die ich jedem lebendigen Erwachsenen ans pulsierende Herz legen möchte.

Gelesen und diskutiert wird „Getrieben“, das ich nach dem Interview mit ihm geschickt bekommen hatte, mit dem Hinweis, dass dieses Buch erst ab 30 geeignet sei. Ich erinnere mich noch genau - ich befreite das Buch aus der Verpackung, und begann sofort zu lesen. Ich lief die nächsten Stunden lesend durch die Wohnung, ging mit dem Buch ins Bett, lebte mit dem Buch, wie man mit einem Buch überhaupt nur leben kann.

„Getrieben“ ist fast wie eine Lebensbeichte. Ob es um die große Liebe, Impotenz, eine zu rettende Katze, die pflegliche Behandlung von Büchern und ihr teilweise illegaler Erwerb geht - viele kleine Geschichten fügen sich zusammen, man wird durch die Sprache, die teilweise an Henry Miller in seinen besten Zeiten erinnert, fort- und mitgerissen, leidet, lacht, erschrickt mit. Mit Henry Miller teilt Andreas Altmann auch ein tiefes, warmes Verständnis dafür, was Leben tatsächlich bedeutet: sich ganz hineinzubegeben, Risiken einzugehen, zu tricksen, sich zu verlieben, sich aber dabei immer treu zu bleiben.

Ein großes Buch, das viel zu schnell verschlungen ist. Ein Buch, das es schafft, die Welt zu entkleiden, damit man erkennt, wie schön sie nackt ist.

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Auf nach Afrika (Schreibwettbewerb)

Ein ganz besonderer Schreibwettbewerb ist seit heute auf der Webseite von Andreas Altmann zu finden. Zu gewinnen sind ein Reportage-Workshop sowie eine dreiwöchige Afrikareise. Andreas Altmann begleitet nicht nur auf dem Weg in ein vielleicht neues Schreibleben, sondern sitzt auch in der Jury. Nicht nur deshalb weise ich gern auf das Interview weiter unten mit ihm hin.

Tchibo Privat Kaffee schreibt zusammen mit dem Verlag Frederking & Thaler und der Zeitschrift Maxi ab dem 7.9.2006 einen Literaturwettbewerb unter dem Motto „Unterwegs in Afrika“ aus. Jeder (ab 18) kann teilnehmen und hat bis Ende Oktober 2006 Zeit, eine Geschichte unter dem Leitmotiv „So fern, so nah“ einzureichen. Die drei besten Storys werden von einer unabhängigen Jury ausgewählt und die Schreiber zu einem dreitägigen Reportage-Workshop auf die Insel Sansibar eingeladen. Und anschließend zu einer dreiwöchigen Fahrt durch Afrika. Die originellste Reportage über diese Reise wird wiederum von der Jury bestimmt und in Maxi veröffentlicht.
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Giraffen

Ich hatte die Fenster mit einem schwarzen Bettlaken verhängt, doch an der linken Seite schlich sich die Morgensonne in mein Zimmer und blendete mich.

„Giraffen“, dachte ich. Es war mein erster Gedanke an diesem frischen Tag. Ich war schon seit einem Jahr in Berlin, doch ich kannte immer noch niemanden hier. Die Stadt war voll mit Menschen, mit denen ich nichts zu tun hatte, und die nichts mit mir zu tun hatten.

Im Zoo haben sie welche. Giraffen. Auch Elefanten, Lemuren und jede Menge Vögel. Den einen oder anderen Papageien. Ich mochte sie nicht. Es klingt vielleicht seltsam, aber ich habe Angst vor Vögeln. Vor allem vor Papageien. Man weiß nie, was sie denken, und dabei reden sie auch noch. So ähnlich wie Frauen. Es ist schon lange her, dass ich mit einer Frau zusammen war, damals, auf Island. Sie mochte Schafe, und sie wurde schwanger. Aber bevor sie unser Kind bekam, ging sie nach Amerika. Damals beschloss ich, nur noch Sachen aus der Dose zu essen. Wenigstens da kann man sicher sein, dass das, was drin ist, auch wirklich tot ist.

Seitdem ich in Berlin bin, gehe ich jeden Tag in den Zoo. Ich schaue mir die Elefanten an und hasse sie. Danach gehe ich zu den Lemuren und hasse sie ebenfalls. Am Schluss bin ich bei den Giraffen, und die hasse ich nicht. Oft stelle ich mir vor, wie es wäre, eine Giraffe zu sein, den Hals zu recken und den ganzen Tag den Kopf in die Luft zu halten. Aber ich betrachte vor allem ihre Beine. Als Giraffenjockey muss man das einschätzen können, wie schnell sie rennen, und Giraffen rennen sehr, sehr schnell. Tatsächlich bin ich noch nie geritten, aber für einen Pferdejockey bin ich zu groß. Und außerdem hasse ich Pferde.

Wenn ich in mein Zimmer zurückkomme, schaue ich an die Wand, auf die ich mit einem schwarzen Filzstift die Landkarte von Afrika gemalt habe. Überall, wo es Giraffen gibt, stecken Markierungen in der Wand. Und dann stelle ich mir vor, wie ich mit anderen Jockeys am 1. afrikanischen Giraffenrennen teilnehme. Ich werde der einzige Weiße sein, und alle werden mich auslachen, vor allem die Frauen. Die lachen immer. Aber am Ende werde ich alle überraschen und gewinnen, und die hübscheste der Frauen, eine mit einem irrsinnig langen Hals, wird ihre Arme um mich schlingen und Kinder von mir haben wollen. Wir werden im Busch leben, Giraffenbabys großziehen und natürlich unsere eigenen Babys, von denen wir jedes Jahr ein neues haben werden. Und aus den ganzen leeren Dosen werden wir uns ein prachtvolles Häuschen bauen, das unter der afrikanischen Sonne funkelt und glänzt.

„Giraffen sind gut“, sagte ich laut und stand auf.


Text für den Schreibwettbewerb der Büchereulen, Juni 2006, Thema „Sport“, 1. Platz
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Zugfahrt

Sie sitzt, die Schenkel leicht geöffnet und nackt, zurückgelehnt. Wärme ersetzt das Tuch, die Luft ist Stoff genug.

Wenn ich in das Gesicht der schlafenden Frau gegenüber sehe, ihren Lippen folge, die leicht nach vorne gestülpt sind, zwischen ihnen ein Spalt, dann werde ich friedlich. Ich muss nichts tun, darf weich sein, ganz Blick. Ich stelle mir vor, die Luft zu sein, die sie einatmet. Dass ich es wäre, der sie erhitzte, die Ursache des leichten Schweißfilmes auf ihrer Haut. Ich betrachte die blonden Härchen auf ihren Oberschenkeln, die aufgerichtet sind. Es wird wärmer. Sie öffnet ihre Augen, sieht mich an, ein Moment, der sich dehnt, ausweitet. Ein Fenster wird geöffnet, der Fahrtwind kühlt kaum, sie schließt ihre Augen wieder, und ich bin sicher, sie träumt jetzt einen ähnlichen Traum wie ich, einen Traum aus Berührungen.

Ein Geräusch, wie wenn Papier reißt. Ich schaue nach draußen, ausgezogene Bäume, deren Äste die Zeichen einer unbekannten Schrift sind, Laufschrift, Fahrtschrift, sie wird spärlicher, die Leerräume füllen sich mit Wüstensand, die Schienen führen in ein Meer aus Sand. Als es dunkler wird und die Innenbeleuchtung sanftes Licht streut beginnen die Fenster zu spiegeln, und im Fenster hängt ihr Lächeln in der Luft, ein Lächeln aus geschwollenen Lippen, der Spalt zwischen den Lippen ein dunkles Loch, in das ich hineinschaue, um die Lust der Nacht zu begreifen.

Ich möchte etwas sagen, aber habe Angst, dass ihr Lächeln sich dann auflöst, und mit dem Lächeln sie.

Wieder das Geräusch. Am Horizont brennen Ölfelder, oder nur der neue Tag, der beginnt, gegen einen Himmel aus Rauch zu kämpfen.

Ich weiß nicht, was passiert. Um mich herum liegen Zeitungsfetzen, die Schatten der Dinge, die geschehen sind, und ein verschwommenes Bild von dem, was sein wird.

Sie trinkt einen Schluck Wasser.

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Im Schatten des Flügelschlags

Es war schon September, als ich Pinguin wieder traf. Er hatte ebenfalls beschlossen, seine wenigen Sachen zu packen und aufzubrechen. Zuerst fuhr er nach Norwegen, was ein großartiges Land für frischen Fisch ist, aber ansonsten ziemlich leer wirkt. Also fuhr er wieder zurück, genoss gute Nudeln in Rom, begann aber schnell den Regen zu vermissen. Er nahm den nächsten Zug nach Paris, kam mit Einbruch der Dunkelheit an, und jetzt stand er da in meiner Lieblingsbar, dem Quaimond, lauschte St. Germain und obskuren Miles Davis-Remixen. Er trank einen Glenfiddich nach dem anderen. Wir hatten immerhin bei Whisky den gleichen Geschmack. Er wankte schon leicht, aber als er mich erkannte hätte er wahrscheinlich, wenn er kein Pinguin gewesen wäre, breit gelächelt und einen Freudenschrei ausgestoßen. Er hätte das gleiche gemacht wie ich. Seit diesem Abend lebten wir wieder zusammen.

„Weißt Du warum sie mich verlassen hat?“
Ich schaute den Pinguin an. Der sagte nichts aber tat so, als ob er mich verstünde. Ich würde ihm wohl später etwas frischen Fisch geben. Forelle. Ich ging zum Kühlschrank, der erstaunlich aufgeräumt war. Was eine wohlwollende Umschreibung für „fast leer“ ist. Nur einige Dosen Bier und eine Forelle waren darin zu finden.
„Es ist gut, im Nichts zu sein.“ dachte ich.
Ich nahm den Fisch heraus, gab ihn dem Pinguin, schloss nachdrücklich die Kühlschranktür, setzte Wasser auf und rührte eine asiatische Nudelsuppe aus der Tüte zusammen. Das Licht in der Küche flackerte. Ich drehte an der Glühbirne und verbrannte mir die Finger. Ich ließ das Licht weiter flackern. Der Pinguin blieb bemerkenswert stoisch.
„Möchtest Du einen Eiswürfel haben? Dir ist bestimmt zu warm.“
Er schüttelte den Kopf.
„Gut, dann lass uns was essen.“
Wir aßen. Die Nudeln schmeckten nach Sesam. Immerhin. Ich versuchte an etwas zu denken, aber es gelang mir nicht. Es waren keine Bilder mehr da.
„Was für ein Tag ist heute?“
Irgendwann hatte ich vergessen, dass es Wochentage gibt. Jeder Tag war wie der andere, es machte einfach keinen Sinn sie zu benennen. Ich gab dem Pinguin eine Dose Bier. Er sah sie äußerst verständnislos an. Ich erklärte ihm, dass es gut sei, manchmal ein Bier zu trinken. Wenn es Nacht ist. Und der Kühlschrank fast leer. Der Pinguin schwieg. Es gibt kaum etwas Schlimmeres als ein Pinguin, der schweigt. Ich sah ihn lange an. Und begann ebenfalls zu schweigen.

Es war wieder morgen geworden. Zumindest war es hell draußen, und der Himmel bis auf eine kleine Wolke leer. Die Geräusche machten Ferien. Der Pinguin schlief noch und war nicht umgefallen. Pinguine sollen nämlich umfallen, wenn sie vom Dösen in den Tiefschlaf wechseln. Meiner tat das nie. Es musste noch ziemlich früh sein, und ich war nur aufgewacht, weil ich zu laut geschnarcht hatte. Es wäre gut, jetzt einen Kaffee zu machen. Wenn sich dieser Tag überhaupt lohnte. Aber ich würde irgendwann etwas tun müssen. Zum Beispiel den Kühlschrank auffüllen, der ja nun gänzlich leer war. Ich machte mir eine Liste für den Tag:
Kühlschrank auffüllen
Weiterschlafen
Pinguin füttern
Über Hamster nachdenken
Über Frauen nachdenken
Ergebnisse des Nachdenkens mit Pinguin besprechen
Das Telefonbuch weiter lesen.
Seitdem Pinguin da war hatte ich das mit den Postkarten aufgegeben und mich darauf konzentriert, uns das Telefonbuch vorzulesen. Ich war immerhin schon fast bei D angelangt. Und das in Paris. Ich las uns immer nur Namen und Nummern vor. Vielleicht würde eines Tages jemand kommen und sagen „Sie haben das Telefonbuch gelesen? Großartig, ich gebe Ihnen einen Job“. Langsam wurde das Geld knapp, ich konnte vielleicht noch zwei Monate so weiterleben. Höchstens.
„Wir können einfach weitermachen, nichts zu tun. Gar nicht so einfach, die Sinnlosigkeit zu akzeptieren“, sagte ich zu Pinguin.

Ich hatte eingekauft, Käse, Baguette, Rotwein und viele kleine Fische. Es wurde schon wieder dunkel. Ich las uns weiter aus dem Telefonbuch vor. Der Pinguin nickte verständnisvoll.
Ich unterbrach das Lesen und schaute ihn lange an.
„Ich glaube, wir sind jetzt wirklich angekommen.“

(Ausschnitt aus Im Schatten des Flügelschlags)
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