Lunkewitz

Aufbau & Mao



Montag Abend. Nach einem langen, ereignisreichen Wochenende hatte ich schon in Gedanken meinen nichtvorhandenen Hund nach den imaginären Pantoffeln suchen lassen, als das Telefon mich aus der Dämmerung meines halbwachen Daseins riss.

„Kommst du mit?“
„Wohin?“
„Medienforum.“
„Stimmt, habe ich vergessen. Was ist da?“
„Weiß ich auch nicht mehr.“
„Na gut.“

Ich schickte den Hund los, statt der Pantoffeln mein einziges Paar halbwegs intakter Ausgehschuhe zu holen. Ich wartete, bis mir wieder einfiel, dass das Tier ein Produkt einer durch Übermüdung blühenden Imagination war, und eine halbe Stunde später spazierten wir durch die kalte Berliner Luft Richtung Stilwerk, Kantstraße.

Der Gast entpuppte sich als Bernd F. Lunkewitz, Lichtgestalt des Aufbau-Verlages, der über sich und seine Welt plaudern sollte. Er plauderte. Über den Weg zum Kapitalismus, seine Vergangenheit als Maoist, Streitigkeiten mit Treuhand und wie man ganz einfach ein Vermögen macht (Immobilien), wieder verkleinert (Verleger), und doch noch für eine Schiller-Ausgabe Käufer findet, in dem man das überraschende Prinzip der Subskription aufleben lässt.

Aber vor allem eines war Thema, eine Zahl. 18%. Das ist der Anteil der Buchverkäufe in Ostdeutschland, im Gegensatz zu den 15% anderer Verlage. Nicht viel, für den wichtigsten Ex-DDR-Verlag, und ein Ansporn, mittelfristig auf 15% zu kommen; die möglichen Zuwachsraten werden im Westen erwartet.

Nun ist mir der Aufbau-Verlag bisher besonders positiv aufgefallen, die Verlagspolitik erscheint mir etwas wagemutiger und frischer zu sein als bei den anderen üblichen Verdächtigen. Der Eindruck, der vom Abend trotz Freibiers übrig blieb, war etwas zwiespältiger. Lunkewitz ist eloquent, verweist auf eine politisch engagierte Vergangenheit und eine vielleicht glänzende wirtschaftliche Zukunft, die man vorbehaltlos dem Unternehmen wünscht. Aber eines fehlte: die Bücherseele. Das ist natürlich eine Unterstellung, und vielleicht stimmt es auch nicht. Nur ein Eindruck, den ein Mensch auf dem Podium machte, von dem man ein wenig mehr hätte erfahren wollen.
Etwas von den Leidenschaften, die ihn an- und umtreiben, den Autoren und langen Gesprächen über die Literatur. Vielleicht lag es auch am Ambiente, denn das Stilwerk ist kühl bis ins gläserne Herz.

Wir spazierten wieder in die Nacht hinaus, die leer wirkte wie ein Buch ohne Seiten. Neben mir ein Kläffen. Mein imaginärer Hund lief voraus, dreibeinig, raste um die nächste Ecke und verschwand. Wieder zu Hause schaute ich noch eine lange Zeit aus dem Fenster, gegenüber die blinden Flecken leerer Geschäftsräume, und begann, an nichts mehr zu denken.
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