Modell Mann

Eine Maus bleibt eine Maus

Es kommt im Leben einer Maus der Zeitpunkt, da ihre Barthaare zittern und sie spürt, dass sich etwas verändert hat. Dass es Zeit ist für etwas Neues und sie weiter ziehen muss. Spätestens dann, wenn kein Käse mehr im Kühlschrank ist oder die Katzen vor dem Mauseloch lauern. Oder beides. Vielleicht mache ich mich auf nach Machwo, um im „Fröhlichen Elchen“ unterzutauchen. Dort treffe ich bestimmt Milena, Peter den Bürgermeister und die ganzen anderen verrückten Menschen in diesem schönen Dorf mit seinen zwei Seen und der Radiosendung „Guten Morgen Machwo“. Ich denke wehmütig zurück an meine Reisen auf den Apfelplaneten, Frau Oh, an Pinguine, Nächte in Shanghai und heiße Liebschaften in Berlin, aber auch an die wenigen Höhepunkte in meiner kurzen Zeit als Reporter.

Wie an die letzte Veranstaltung von Gott. Er hielt, leger elegant im schwarzen Rolli, eine seiner berüchtigten Keynotes vor den Engeln und erklärte, was für Updates und Neuentwicklungen er für die Welt geplant hatte. Das Beste hielt er sich, wie immer, für den Schluss auf: „one more thing“. Das waren immer tolle Sachen wie Gravitation, Planetensystem, schwarze Löcher oder iPods. Dieses Mal war aber alles anders. Er machte eine längere Pause, sein linker Mundwinkel hob sich zu einem süffisanten Grinsen, und er stellte vor: „die Frau“. Ein Raunen ging durch die Menge. „Wir sind vom Modell Mann einfach enttäuscht, es ist immer noch nicht bei drei Gedanken in der Minute angekommen, und es verbraucht einfach zu viel Bier pro Takt.“ Leicht zustimmender Beifall. „Und wir haben vorgearbeitet. Während wir Mann weiter pflegten, haben wir für Frau das Betriebssystem parallel entwickelt. Wir nennen das Übersetzungsprogramm „Muschili“, und alle Gedanken von Mann funktionieren schon jetzt auf Frau.“ Erstaunen im Publikum. „Aber das Beste ist“, fuhr Gott fort und rieb sich seinen Dreitagebart, „bis zum nächsten Jahr haben wir die komplette Produktlinie auf Frau umgestellt.“ Ein erster Begeisterungssturm fegte durch die Halle, Federn flatterten über den Köpfen. „Aber das ist noch nicht alles. Die erste Frau ist genau jetzt verfügbar – zwei Attribute für pure Leistung, kein Kabel, über das man stolpern kann, und schlanker ist es auch noch.“ Nun kannte das Publikum kein Halten mehr. Tosender Applaus, Hochrufe, einige Engel in der ersten Reihe sanken ohnmächtig zusammen. Gott verneigte sich, lächelte charmant, warf einige Heiligenscheine in die Menge und verschwand in seinem schwarzen Mercedes.

Ich seufze, als das Telefon mich aus meinen Erinnerungen reißt.
„Maus?“ Ich erkenne die zornesbebende Stimme des Verlagsleiters.
„Ja?“
„Es gibt Beschwerden.“
„Ach?“
„Du hast schon wieder Frauen mit Computern verglichen.“
„Nein, würde ich nie.“
Pause.
„Frauen sind viel komplizierter als Computer“, füge ich hinzu, „und außerdem sind die Abstürze schlimmer.“
Pause.
„Chef?“
Im Hörer tutet es. Er hat aufgelegt. Ich überlege, ob ich mal wieder etwas Falsches gesagt habe. Nun ja. Frauen sind Frauen, Männer sind Männer, und Computer sind nun mal Computer. Aber ich bin mir sicher, Gott hätte mich verstanden. Ich öffne ein Bier und proste ihm zu. Schließe meinen Computer und schaue lange das kleine pulsierende Licht an.
Vielleicht finde ich im Kühlschrank doch noch ein Stück Käse. Wenn ich Glück habe ein Stück Emmentaler. Und mit den Katzen werde ich auch irgendwie fertig. Schließlich bleibt am Ende eine Maus doch immer eine Maus.

Euer Marc Maus


Die Marc Maus-Kolumnen erschienen monatlich in der Zeitschrift MacLife. Die Gründe, warum ich sie unter Pseudonym veröffentlichte, sind mir nicht mehr bekannt. Und waren wahrscheinlich unwichtig.
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