Riesenmaschine

Ins Netz gegangen

Wer bisher recht abschätzig das Phänomen „bloggen“ belächelt hat, wird spätestens jetzt mit einem gefrierenden Grinsen leben müssen.

Kurz nachdem eine der Bloggerinen der Riesenmaschine, Kathrin Passig, Bachmann- und Publikumspreis abräumte, wurde Katharina Borchert (Lyssas Lounge) als stellvertretende Chefredakteurin von der WAZ berufen, um das allgemein anerkannt verstaubte Webangebot zu erfrischen. Die Zauberformel heißt Web 2.0, womit sich die Next Economy zunehmend schmückt. Soziale Plattformen boomen, sogar die SingleBusiness-Plattform openBC leistet sich ein Blog, in dem locker alle Themen beplaudert werden, die aber auch so gar niemanden interessieren.

Blogs sind angekommen, diese Mischung aus privater Selbstdarstellung, Journalismus und kontinuierlicher Abarbeit von Zukunfts- und sonstigen Themen. Die Blogosphäre löst das ein, was das Cluetrain-Manifest ursprünglich der New Economy mit auf den Weg geben wollte: Eine Fokussierung auf den Menschen, als moralische und zentrale Instanz, die sich von den geschlossenen, einseitig kommunizierenden Unternehmensphilosophien radikal unterscheidet. Die New Economy hat im Venture Capital Rausch diese Chance nicht wahrnehmen können, die Next Economy versucht es wenigstens.

Aber die Frage muss diskutiert werden und könnte entscheidend sein: wie verändert sich das Bloggen, das bisher eher Untergrund war, durch die Übernahme der Medien? Passig und der ZIA ist es gelungen, das Spiel umzudrehen. Sie wurde nicht vom Literaturbetrieb vereinnahmt (obwohl es versucht wurde), sondern das Gesamtkunstwerk aus Text, Video und Präsentation sprengte den sich selbst feiernden Betrieb. Die Gegenreaktion der Juroren, die das wohl witterten und die weiteren Preise an altgediente Literaten verteilten, spielte keine Rolle mehr und wurde eher kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen.

Die schwierigere Aufgabe hat Katharina Borchert. Sie muss ein Geschäftsmodell für das Bloggen erfinden – ohne das anarchische Moment der Blogs in eine rein durchkommerzialisierte Form zu gießen. Sie wird es meiner Meinung nach schaffen, bzw. ist sie die richtige Menschin an der richtigen Stelle. Aber beneiden – kann man sie nicht.

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